Rudolf , Rufname Rudl

 

Jugenderinnerungen

Vorwort

 

 

Bis wann reicht die Jugend? Ich würde sagen, bis man in den Beruf eintritt. Und warum Erinnerungen? Ich habe bereits mit 14 Jahren begonnen, Ahnenforschung zu betreiben und zwar weil ich in der Hitlerzeit nachweisen musste,  dass ich nicht von Juden abstamme.

 

Ich bin damals von einer Pfarrei zur anderen marschiert und habe in meinen „Ahnenpass“ die Daten meiner Vorfahren eintragen bzw. bestätigen lassen.

 

Später hat dann ein weitschichtiger Verwandter, der Manfred Schlumpp aus Kirchdorf sich an meinen Aufzeichnungen interessiert und weitergeforscht.

 

Dann hat sich mein jüngster Bruder Werner für die Sache interessiert und die ganzen Daten als Fachmann mit dem Computer aufbereitet und auch in der Schweiz nach den Wurzeln unseres Namens gesucht.

 

Vorher war man immer der Meinung dass unsere Familie aus Hamburg kommen müsse, weil es dort einen Platz „Schlump“ gebe. In Wirklichkeit haben unsere Vorfahren Schlumpf geheissen und sind nach dem 30 jährigen Krieg aus ST. Gallen (Schweiz) nach Deutschland gekommen. Durch einen schlampigen Schreiber ist etwa 1750 statt einem “f“ hinten ein „p“ geworden. Beim Lesen und Studieren der alten Dokumente habe ich sehr oft bedauert, dass ich nicht mehr von meinen Vorfahren erfahren konnte als ein paar nackte Zahlen über Geburt und Tod. Von Meinen Eltern, Onkeln und Tanten erfuhr ich dann noch einiges und habe es in die PC-Ahnentafel mit eingebaut.

 

Über meinen eigenen Werdegang will ich aber hiermit etwas ausführlicher schreiben zumal mich mein damals 10 jähriger Enkel Hans-Jörg Scherling gefragt hat, ob ich im ersten oder zweiten Weltkrieg beteiligt war. Durch die vielen Ablenkungen heutzutage wie Fernsehen , Illustrierte, Radio usw. nimmt man sich auch nicht mehr die Zeit um in Ruhe über die Vergangenheit zu reden.

 

Ich brauche auch nicht immer wieder dasselbe erzählen wenn mich wieder einmal einer nach meiner Vergangenheit fragt.

 

Ich wünsche meinen Nachkommen und Bekannten viel Spass beim Lesen. 

 


Die ersten 10 Jahre

 

Man sagt ich sei am 6.März 1928 als Kind der Liebe im Krankenhaus in Ochsenhausen /Württemberg geboren. Das heisst, ich wurde aus Versehen produziert. Anstandshalber hat mein Vater etwa ein halbes  vor meiner Geburt meine Mutter geheiratet. Er war der älteste Sohn einer Bauernfamilie in Edenbachen und es war vorgesehen , dass er einmal den Hof übernehmen sollte. Da meine Mutter aber sehr klein und von Beruf eine Verkäuferin in einer Konditorei in Thüringen war wurde aber nichts daraus.

 

Angeblich habe ich mich 3 Tage geweigert am Busen zu trinken und fürchterlich geschrieen weil ich so Hunger hatte. Die Krankenschwester in Ochsenhausen hat mir dann die Nase gehalten und den Mund auf die Nahrungsquelle gepresst, sodass es dann doch geklappt hat.

 

Ein Jahr verbrachten meine Eltern und ich noch auf dem Hof meiner Grosseltern und dann begann die grosse Wanderschaft. Mein Vater bekam eine Arbeit als Hilfsarbeiter in einer Pflugfabrik in Ulm

 

In Illerberg war ein kleines altes Haus frei in das wir einzogen Das Haus war sehr schlecht wärmegedämmt. Meine Schwester Eleonore, die 10 Monate nach mir geboren wurde ist im Winter 1929/30 der sehr kalt war an Lungenentzündung gestorben. Später in der Zeit um 1930 war bekanntlich eine wirtschaftlich sehr schlechte Zeit in Deutschland und auch mein Vater wurde arbeitslos. Damals durfte man für die sehr geringe Arbeitslosenunterstützung nicht im Bett liegen bleiben, sondern musste gemeinnützige Arbeiten für die Gemeinde tun, wie Wege richten und Gräben ausputzen. Meine Mutter erzählte mir später, dass es damals bei uns zu Gemüse und Kartoffel nur billiges Pferdefleisch zum essen gab.

 

Mit Hitler und dem Regierungswechsel 1933 bekam mein Vater wieder eine Arbeit bei den Wielandwerken in dem Nachbardorf Vöhringen und es wurde besser. Jedes Jahr kam ein zusätzliches Kind  zur Familie und wir zogen in ein grösseres Haus gegenüber einem kleinen Kloster an der“Steig“ in Illerberg.

 

Die Arbeitskollegen hänselten meinen Vater und er litt sehr darunter. Sie fragten, ob er ausser Kindermachen kein anderes Hobby habe und rieten ihm er solle doch wie die Biber mit dem Schwanz ein Haus bauen. Dabei wurde die jeweilige Schwangerschaft angeblich vom Arzt empfohlen, weil meine Mutter jeden Monat so starke Blutungen hatte, dass sie fast gestorben wäre. Als ich etwa 3 bis 4 Jahre war kann ich mich erinnern, dass wir eine bunte Mischung von Nachbarkindern waren. Wir warfen mit Rossbollen aufeinander, machten unsere Doktorspiele zum Kennenlernen des Unterschiedes von Buben und Mädchen, spielten Ball und schlugen uns gegenseitig nicht wenig.

 

Mit 6 Jahren war ich einmal beim Holzspalten und meine Kameraden bewunderten mich weil sie so etwas noch nicht durften. Gegen ein Bonbon liess ich sie auch probieren. Die Klosterschwestern von nebenan haben das gesehen und uns mit Süssigkeiten überredet, damit aufzuhören. Nachdem wir diese verputzt hatten haben wir weitergemacht.

 

Der Bilmayer Alfred hat immer seinen Daumen auf den Hackstock gelegt und gesagt, dass ich ihn nicht treffe. Mehrmals hat er ihn schnell vor meinem Beilschlag weggezogen. Aber einmal habe ich schon zugeschlagen als er ihn hinlegte und ich habe ihn sauber abgetrennt.

Im Kloster war auch eine Krankenschwester, die hat den Stummel zusammengenäht. Das Beil hat mein Vater dann weggesperrt.

 

In den ersten Volksschulklassen war ich der Vorzeigeschüler  wenn der Schulrat kam. Ich konnte nämlich schon die letzte Seite des Lesebuches fliesend lesen während die anderen noch  in der Buchmitte herumstotterten. Trotzdem konnte mich unsere Lehrerin, die Klosterfrau Fahs kaum bändigen. Beim Schulbeginn in der Früh wurde zuerst gebetet, dann „Maria zu lieben“ gesungen. Dann hiess es Schlumpp und Zeller vorkommen. Wir erhielten jeder 4 “Tatzen“, weil wir jeden Tag in der Kirche schwätzten und dann begann der Unterricht.

 

Tatzen waren kräftige Schläge mit einem fingerdicken Bambusstock auf die Handfläche oder Finger. Wenn der Schlag herniedersauste hatte man ganz  kurz Zeit die Stellung der ausgestreckten Handfläche zu verändern. Zog man die Hand zurück, was als feige galt, ging der Schlag ins Leere und  wurde wiederholt. Dann nahm die Lehrerin die Finger in ihre Hand und man konnte nur noch wenn man sehr kräftig war die eigene Hand zurückziehen, dass sie sich selber auf ihre Hand schlug. Das funktionierte selten. Am besten war wenn man die Hand etwas vorschob, dass der Schlag den Handballen getroffen hat. Das hat nicht so weh getan. Von dem richtigen Moment wann dies geschehen musste hatte ich ja vom Daumenabtrennen schon Übung. Für die Mitschüler war es immer ein interessantes Schauspiel zu sehen wo der Schlag getroffen hat und wie wir je nachdem, die Mienen verzogen. Heulen gab es nicht, denn ein Indianer spürt keinen Schmerz. Die Buben litten mit uns mit, die Mädchen grinsten vor Schadenfreude.

 

Jeder Schaden hat auch einen Nutzen, sagt man. Ich glaube dass bei mir durch diese Dauerbehandlung  die Finger ziemlich abgehärtet wurden (sogenannte Weisswurstfinger), sodass ich trotz 5 jährigem Violinunterricht beim Schreinermeister und Messner Julis Hermann nur ein mittelmässiger eher sogar schlechter Geigenspieler wurde. Sonst wäre ich vielleicht später in einem Orchester gelandet und hätte mein ganzes Leben lang geigen müssen. So habe ich dann eine Zieharmonike mit Knöpfen bekommen und oft die ganze Bande beim Singen begleiten können. Einmal habe ich in der Schule den Zopf der vor mir sitzenden Bärbel in mein Tintenglas getaucht und sie hat ihr Kleid verschmiert. Da gab es „Hosenspanner“. Die Lehrerin hat meinen Kopf zwischen ihre Beine geklemmt, die Hose stramm gezogen und mit dem „Spanischen Rohr“ meinen Hintern versohlt. Es tat so weh, dass ich aus Verzweiflung sie so stark in den Oberschenkel gebissen habe, dass sie sofort aufhörte und hinausgegangen ist. Wahrscheinlich hat ihr das auch ganz schön weh getan.

 

Später habe ich dann Zeitungspapier in die Unterhose gesteckt dann waren die Schmerzen nicht mehr so stark wenn die Bestrafung wieder einmal losging. Heute würde man sagen das sei Kindesmisshandlung. Wir haben aber gewusst dass wir bestraft würden wenn wir etwas verbotenes machten und fanden diese Schläge auch in Ordnung. Es ist uns, soweit ich das heute erkennen kann, nichts in der Psyche zurückgeblieben.

 

Bei den heutigen Diskussionen über Schläge als Erziehungsmassnahme, denke ich oft an den Ausspruch meines 4 jährigen Enkels Jörg der zu mir sagte. Opa, schimpfen ist viel schlimmer als schlagen. Der Schmerz vergeht schneller.

 

Beim Zeller Franz, mit Hausnamen Sepper, waren wir oft. Er hauste in einem alten kleinem Bauernhaus. Man hatte nur zwei Kühe. Seine Eltern waren schon alt, er klein mit steifem Fuss, sie gross  bucklig und dürr wie eine Hexe. Es war sehr dreckig und wir konnten dort machen was wir wollten. So haben wir im Stadel mitten im Heu unseren Zigarettenersatz aus Rebseilen (Schlingpflanzen) geraucht bis es uns schlecht wurde. Wenn ich daran denke schaudert es mich heute noch. Wenn das Heu eingefahren wurde, mit den 2 Kühen als Zugtiere, lagen wir oben auf dem Wagen, neben uns Josl, die etwas beschränkte wesentlich ältere Schwester vom Franz. Meistens hatte sie bei der Hitze keinen Schlüpfer an und wir konnten die ersten anatomischen Studien vom erwachsenen weiblichen Körper , mit dem furchterregenden Büschel von schwarzen Haaren an der interessanten Stelle, machen.

 

Wir zogen dann zum Glück ins Oberdorf um, weil die Wohnung schon wieder zu klein wurde.

In der 4. Klasse Volksschule bekamen wir eine weltliche Lehrerin. Diese kam öfters zu meinen Eltern und löcherten sie, dass ich doch in die Oberschule nach Weissenhorn die gerade eröffnet wurde, gehen sollte. Vermutlich wollte sie mich los sein weil ich meine Mitschüler immer gestört habe.

 

Nachdem für mich kein Schulgeld bezahlt werden musste und ich die Aufnahmeprüfung mit „sehr gut“ bestanden hatte musste ich dann jeden Tag 5 Kilometer auf einer Kiesstrasse mit dem Fahrrad  in diese Schule fahren. Im Winter wenn es sehr kalt war ist mir auf dem Radl durch den Ostwind einmal der Pimmel eingefroren weil das Hosentürl nicht dicht war. Das war dann längere Zeit beim bieseln sehr schmerzhaft. ich hab dann immer vorne während der kalten Jahrezeit eine Zeitung reingesteckt.

 

Bei starkem Schneefall ging mit dem Radl nichts mehr. Entweder eine Stunde Fussmarsch wobei es manchmal noch Nacht war oder mit Schi. Einmal hatte es in der Früh zur Dunkelheit noch starken Nebel und ich habe mich in dem Wald den wegen des kürzeren Weges durchquerte verirrt. Ich ging  mit Linksdrall einen grossen Kreis. Nach 3 Stunden, man sagt heute Langlauf, fand ich meine eigene Spur wieder und bin auf dieser wieder nach Hause gestapft.

 

Von meinen vornehmeren Mitschülern wurde ich oft verspottet weil an meiner Kleidern immer ein Geruch von kleinen Kindern anhaftete. Am schlimmsten war es einmal, als mein etwa 3 Jahre alter Bruder Robert, der mit uns anderen 3 im selben Zimmer schlief, bei Nacht auf den Topf im Flur musste. Er stieg über 3 Betten , fand die Tür nicht weil es so dunkel war und sass auf einer kleinen Kommode auf der meine Schulbücher lagen. Er konnte seinen Drang nicht mehr halten und entleerte sich, wobei er in seiner Panik mit der Hand das Produkt durch die Gegend schleuderte und verteilte. Ein Teil landete auch auf meinen Schulsachen. Jeder kann sich meinen seelischen Zustand vorstellen. Ich wollte mir fast das Leben nehmen. Man brachte die Bücher nie mehr ganz sauber und der Geruch war auch nicht mehr wegzubringen. Ein Glück dass die Klasse nicht mehr allzu lange dauerte und wir neue Bücher bekamen. Der Robert wurde dann lange, wenn wir Wut auf ihn hatten, als „Kommodenscheisser“beschimpft.

 

Durch meine schulischen Leistungen bekam ich dann doch einige Anerkennung bei meinen Mitschülern. In der Oberschule blieb ich jedoch immer der arme Schlucker. Dies gab mir aber Auftrieb und ich nahm mir vor, dass ich es denen allen später einmal zeigen wollte. Dies habe ich auch geschafft. Bei späteren Klassentreffen war ich dann plötzlich der grosse Star.

 

 


Jungvolk + Hitlerjugend 1939-43                             

 

Als 1939 der Krieg begann war ich 11 Jahre und im „Jungvolk“. Das waren die Buben von 10 bis 14 Jahren und sie hiessen Pimpfe. Wir trugen im Dienst der immer am Sonntag von 9 bis 11 war, (wenn die sonstigen Dorfbewohner in die Kirche gingen) ein braunes Hemd mit einem schwarzen Halstuch. Dies war mit einem geflochtenen Lederknoten  zusammengezogen.  Dazu eine kurze schwarze Hose. Von der Brust baumelte mir bis zur Hemdtasche eine rotweisse Schnur, dh. ich war der Jungenschaftsführer, Häuptling und Kommandeur über eine Gruppe von etwa 10 Mann.

 

Später war die Schnur dann etwas dicker war grün und an der Achsel oben befestigt. Da war ich dann „Jungzugführer“ . Die etwas älteren und kräftigeren gehorchten mir natürlich nur widerwillig und ich musste mir alles mögliche ausdenken um meine „Untergebenen“ bei Laune zu halten.

 

Marschieren und exerzieren (hinliegen-auf-marsch-marsch) war nicht so gefragt. Bei schönem Wetter machten wir Sport und sogenannte Geländespiele. Es wurden 2 Gruppen mit Unterführern gebildet. Die eine Gruppe bekam einen roten, die andere einen blauen Wollfaden um den Oberarm gebunden .

 

Ziel des Manövers war es die gegnerische Gruppe durch Späher auszumachen,  anzuschleichen und beim Nahkampf dem Feind den Wollfaden abzureissen.
Dieser war dann ein toter Mann und durfte sich nicht mehr rühren. Naturgemäss endete meistens die Schlacht in einer mittleren Rauferei.

 

Bei schlechtem Wetter ist der Geländedienst ausgefallen und es wurde statt dessen während der Woche ein Heimabend abgehalten.  In einem Raum der Gemeinde wurden Marschlieder gelernt und Geschichten über die Heldentaten der Soldaten und der Nationalsozialisten vorgelesen. Es gab auch eine Zeitung „Der Stürmer. Ein ausgesprochenes Hetzblatt in dem die Juden alle mit krummen Nasen, langen zotteligen Haaren und dreckigen zerlumpten Kleidern dargestellt wurden. Es wurde behauptet, dass sie kleine Kinder schändeten und bei ihren religiösen Festen ihrem Gott Jehova opferten.

 

Es wurde auch von den blonden blauäugigen Germanen, der sogenannten Herrenrasse berichtet die später einmal ganz Europa beherrschen sollte. Ich habe mich damals geschämt, dass ich schwarze Haare habe und diese als dunkelblond angegeben. Mein Trost war aber, dass der geliebte Führer Adolf Hitler aus Österreich allem Anschein nach auch nicht germanischer Abstammung war. An Pfingsten gingen wir einmal, 12 jährig,  zu Fuss in ein sogenanntes Pfingstlager . Es war ca. 15 km entfernt am Roggenburger Weiher.

 

Im Rucksack zeltähnliche Laken und Verpflegung. Die Eltern waren sehr besorgt , denn für viele von uns war es das erste mal, dass wir über Nacht von Zuhause weg waren. Es regnete in Strömen und nach 4 stündigem Marsch kamen wir völlig durchnässt am Zielort an.  Nachdem an „zelten“ nicht zu denken war, schlüpften wir in einen Heustadel und wärmten uns gegenseitig.

 

Am anderen Tag war das Wetter besser. Es wurde ein Feuer gemacht, in einem grossen Kessel Pfefferminz-Tee gekocht der jedoch fast ungeniessbar war,  weil wir keinen Zucker hatten. Der anschliessende Eintopf dann war auch eine einzige Katastrophe. Wir hatten die mitgebrachten Spagettis mit etwas kaltem Wasser auf unserer Feuerstelle aufgesetzt und etwa eine Stunde kochen lassen. Das Ergebnis: Ein Nudelkuchen, unten etwas angebrannt und salzlos, denn dieses wollten wir erst am Schluss je nach Geschmack dazugeben. Gut, dass jeder von daheim belegte Brote mitbekommen hatte. Die zweite Nacht war dann fürchterlich. Der Jungzug vom Nachbardorf Vöhringen, doppelt so viel Leute wie wir, war auch in der Gegend ohne dass wir es wussten und hat bei Nacht unseren Stadel umstellt. Mit „Heia Safari“ versuchten sie uns gefangen zu nehmen. Sie wollten uns am Marterpfahl rösten. Wir konnten jedoch das Tor so verbarrikadieren dass sie nicht hereingekommen sind. Aber zwei von uns hatten solche Angst dass sie die Hosen voll machten. Wir mussten die ganze Nacht den Gestank aushalten. Es traute sich keiner hinaus weil draussen noch Posten oder Späher von unseren Feinden vermutet wurden.

 

In aller früh haben wir. dann zusammen gepackt und sind sofort wieder mit Halsweh und Katarrh heim marschiert und von den Eltern recht geschimpft worden.  Wir sind dann das nächste Jahr nicht mehr ins Pfingstlager gegangen.

 

Wenn jemand 3 mal unentschuldigt beim Dienst fehlte, bekamen seine Eltern eine schriftliche Verwarnung mit Strafandrohung. Kirchgang zum Sonntags-Hochamt galt nicht als Entschuldigung, weil um 7 Uhr immer eine Frühmesse war und die Buben da hätten hingehen können. Ich musste es auch, weil ich nebenbei (aus finanziellen Gründen) noch Ministrant war, aber viele Pimpfe waren zu faul um so früh aufzustehen. Wegen einer solchen Verwarnung musste ich einmal  ins 3 km entfernte Emershofen wo 3 Buben unseres Jungzuges wohnten.

 

 Hans Uhl, der Bruder meiner späteren Frau hatte mehrmals beim Dienst gefehlt und ich wollte mir das Briefporto für die schriftliche Verwarnung sparen.

 

Ich kam am Sonntag morgen in Uniform mit Notizblock zum Haus aber bloss  bis zur Haustür. Dort stand der Vater Uhl, 1. 80m gross, (ich damals 1, 50) und ich sage „Heil Hitler“. Er sagt“was witt?“ Ich:“ Herr Uhl ihr Sohn Johann ist am so und so vielten und so und so vielten unentschuldigt nicht zum Dienst erschienen. Ich erteile Ihnen hiermit die erste Verwarnung. “

 

Er:“Ja du Saubua, du Hurarasiach, wenn it sofort verschwindst werf i di en da Misthaufa nei“.

 

Ich:“ Rühren Sie mich nicht an Herr Uhl,  ich bin in Uniform und das wäre ein Angriff auf den Staat“ und sie kommen ins KZ-Dachau.

 

Seine damals 7 Jahre alte dürre und für mich unscheinbare Tochter Marie stand neben ihm,  war von mir sehr beeindruckt, hatte fürchterliche Angst und zog den Vater ins Haus. Ich selbst war auch froh, dass ich nicht verdroschen worden bin und habe die Zustellungsurkunde, die eigentlich er unterschreiben sollte,  selbst unterschrieben und mich von dannen geschlichen.

 

Nach dem Krieg haben der Uhl und ich uns wieder versöhnt, weil ich seine Tochter geheiratet habe,  die sich in der Zwischenzeit sauber herausgewachsen hat und mich seit diesem Tag nicht mehr vergessen konnte.

 

 

 


Segelfliegen                                                             

 Grunau-Baby

1           

 

 

 

Bereits im Jungvolk,  dem (ausser den Juden) alle deutschen Buben ab 10 Jahren automatisch angehörten, konnte man an verschiedenen Sportausbildungen kostenlos teilnehmen.  In Wirklichkeit war die Teilnahme schon eine vormilitärische Ausbildung.  So wurden aus Bergsteigern später Gebirgsjäger, aus Wassersportlern später Matrosen und aus Segelfliegern später Piloten.

 

Ich war begeistert von den damaligen Erfolgen der deutschen Jagdflieger wie Mölders,  Rudel,  Wick usw.  und entschied mich schon damals,  dass ich später zur Luftwaffe oder wie man damals spöttisch sagte zu den „Halbschuh-Soldaten“ mit den gelben Schals und Halbschuhen statt Knobelbechern,  wollte.

 

Zuerst sägten wir aus dünnem Sperrholz Profile aus,  klebten sie zusammen,  verkleideten sie mit Butterbrotpapier und lackierten unsere Kunstwerke.  Sie flogen sogar manchmal aber sie waren mehr kaputt als ganz. .  Auch morsen,  damals das einzige Verständigungsmittel vom Flugzeug aus,  haben wir gelernt.

 

Mit 14 kam ich dann das erste Mal,  natürlich damals völlig kostenlos,  in ein Segelfluglager nach Krumbach/Schwaben.  Dort hatten wir 20 Buben einen sog. unverkleideten Schulgleiter SG 38. Diesen schoben wir Tag für Tag den Hang hinauf. Jeden Tag kam man dann einmal zu Fliegen dran.  Man wurde auf den Sitz geschnallt,  den Steuerknüppel in der Hand,  die Füsse auf zwei Pedalen.

 

Hinten am Schwanz hielten an einer Schnur 2 oder 4 Mann den Gleiter.  Auf das Kommando „laufen“ rannten die übrigen mit einem Gummiseil den Berg hinunter.  Wenn das Seil so stark spannte,  dass die Buben hinten fast nicht mehr halten konnte,  befahl der Fluglehrer „los“ und der Apparat flog etwa 10 später 30 Sekunden und etwa 20 Meter hoch durch die Luft. Bei der A-Prüfung musste man eine Linkskurve und dann wieder gerade aus fliegen und 30 Sekunden in der Luft bleiben.  Das Ganze war für uns junge Pimpfe eine Schinderei,  ausgesprochene Schwerstarbeit den ganzen Tag,  aber wir waren waren "happy".

 

Bei der B-Prüfung in Wittislingen bei Lauingen/Donau war es dann schon leichter. Man wurde mit der vollverkleideten „Grunau-Baby“ an einem Drahtseil mit einer Winde hochgezogen,  musste in etwa 50 m Höhe das Seil ausklinken und eine Platzrunde fliegen. Für den Seiltransport hatten wir einen jungen Stier, der von uns sehr traktiert wurde. Als Abzeichen durften wir dann schon 2 Schwingen am Hemd aufnähen. 

 

In Höchst am alten Rhein in der Nähe von Bregenz und an der Schweizer Grenze waren wir dann zur Ausbildung für die C-Prüfung.  (3 Schwingen)Der kleine Flugplatz  war dicht am Bodensee mit moorigem Untergrund.  Wir hatten hier schon professionelle graublaue Overalls an und waren 16 Jahre alt.

 

Das Abendessen bekamen wir immer in einer kleinen Wirtschaft im Dorf. Dort gab es eine junge hübsche Bedienung die mir sehr gefallen hat.  Ich wollte einmal in stockdunkler Nachts zu ihr zum Kammerfensterln wie es in Bayern der Brauch war und kletterte am Spalier des Hauses hoch. Sie hat aber trotz flehentlichem Bitten ihr Fenster nicht ganz aufgemacht und mir erklärt dass sie ein anständiges Mädchen sei. Da hörte ich plötzlich Geräusche, merkte dass jemand kommt,  kletterte überhastet hinunter und rannte hinters Haus. Dort stand ein riesiger Hund ich glaube es war ein Bernhardiner und knurrte mich an.  Meine Liebesgefühle sind mir gleich vergangen und ich hatte fürchterliche Angst dass mich der Hund zerfleischen könnte. Trotzdem versuchte ich beruhigend auf ihn einzureden und ihm zu erklären dass ich ihm nichts tun werde wenn er mir nichts täte.  Dabei ging ich ganz langsam rückwärts.

 

Ich wusste natürlich nicht ob er angeleint und wie lang seine Leine war. Nach einigen Metern Abstand drehte ich mich um und lief los und -rums- schon hing ich im Stacheldrahtzaun. Meine Kleidung zerfetzt und aus mehreren Wunden blutend kam ich von meinem erotischen Abenteuer ins Lager zurück und musste mir noch den Spott meiner Kameraden anhören. Ich bin deshalb dann nie mehr in meinem Leben zum Kammerfensterln gegangen.

 

Bei einem Übungsflug hat mir die Höhe zum Landen auf dem Platz nicht mehr ausgereicht und ich bin in einen Stacheldrahtzaun hineingerutscht. Der Draht hat die Sperrholzkabine glatt durchschnitten. Wenn ich etwas mehr Fahrt noch gehabt hätte, wäre ich geköpft worden.

 

Eines Tages in den Schlusstagen der Schulung und kurz vor der Prüfung hörten wir plötzlich Flugmotorengeräusch.  Wir sahen einen amerikanischen viermotorigen Bomber an dem sich nur 2 Propeller drehten, in etwa 3000 m Höhe. Offensichtlich war er in einer Notlage.  Unser Fluglehrer Antusch schoss ohne viel zu überlegen zwei grüne Leuchtkugeln hoch und unerwartet schwenkte die „Fortress“ zum Landeanflug auf unseren kleinen Flugplatz,  der nicht viel breiter als der grosse Flieger war, ein. In der Zwischenzeit wurden auch in der Schweiz drüben Leuchtkugeln geschossen die aber anscheinend von den Amis nicht mehr beachtet wurden. Ich lag am Rand des Platzes,  sah den riesigen Flieger auf mich zukommen und dachte schon dass er mich überrollen werde.

 

Die Landung war perfekt in der Mitte des Platzes und ich lag etwas seitlich von der Tragflächenspitze.  Die Räder sanken gleich etwa einen halben Meter in den Boden ein weil der Untergrund am Bodenseeufer sehr weich war.

 

Nichts rührte sich zuerst.  Lediglich der Heckschütze schwenkte seine Vierlingskanone umher. Nach einiger Zeit kamen 8 Amerikaner heraus und wir Burschen gingen auf sie zu.  Sie fragten „Switzerland?“ und wir nickten. Sie freuten sich riesig und beglückwünschten sich gegenseitig.  Nachdem wir keine Hoheitsabzeichen an unseren Overalls hatte schöpften sie keinen Verdacht dass sie noch in Deutschland waren. Unser Platz  war nämlich zwischen dem neuen und dem alten Rhein und sie hatten angenommen dass der neue Rhein der etwas östlicher verlief und wesentlich breiter war, die Grenze bildete.

 

Als man etwas später Grenzsoldaten kommen sah,  richtete unser Fluglehrer plötzlich seine doppelläufige Leuchtpistole auf die Gruppe und rief. “Hands up, you are in Germany“ (Hände hoch, ihr seid in Deutschland) Sie waren so überrascht dass sie sofort die Hände über die Köpfe streckten.  Wir Buben gingen gleich auf sie zu und und durchsuchten sie.  Ich nahm mir einen Leutnant, der fast einen halben Meter grösser war als ich vor Er musste seine Taschen ausleeren.

 

Wunderbare Sachen kamen da zum Vorschein, die ich alle gut brauchen konnte. Eine schöne kleine Pistole, Kaugummi, den wir noch nicht kannten,  eine Armbanduhr,  ein Taschenmesser und das tollste, eine durchsichtige Plastikkassette mit allem notwendigen, das man zum Überleben braucht. Ein sogenanntes Fluchtbesteck.  Ein Kompass, so gross wie der Daumennagel, ein Taschentuch mit der Landkarte von Deutschland,  Schokoladetabletten zum Wachbleiben,  wasserfeste Zündhölzer,  Antibiotikatabletten,  Angelhaken,  Morsespiegel und vieles mehr.  Er sagte mir dass er aus Texas und eigentlich froh sei,  dass für ihn der Krieg vorläufig zu Ende wäre.  Sie hatten Bomben in München abgeworfen,  einen Treffer bekommen und wären fast abgestürzt.

 

Es war die Staffelführungsmaschine und mit lauter Offizieren besetzt.  Das wertvollste für unsere Luftwaffe war,  dass eine fast unversehrte amerikanische Maschine mit einem Radargerät, das die Deutschen noch nicht kannten,  in unsere Hände fiel.  Als unsere Grenzschutzsoldaten ankamen hatten wir die Entwaffnung schon durchgeführt und die Schätze in unseren Taschen verstaut.

 

Am anderen Tag kam dann der Geheimdienst,  (Gestapo) hat unser Lager durchsucht und die meisten Sachen uns wieder abgenommen. Wir konnten nicht mehr weiterschulen weil diese grosse Maschine auf dem Platz stand, und haben die C-Prüfung geschenkt bekommen. Unser Fluglehrer bekam für seine Heldentat das Eiserne Kreuz  erster Klasse verliehen. Die Amerikaner mussten dann, nachdem ihnen auch noch die Schuhe ausgezogen wurden, barfuss nach Bregenz marschieren, wo sie dann in ein Gefangenenlager kamen
Es kam dann ein riesiges Aufgebot von Arbeitsdienstsoldaten, die die eingesunkene Maschine freimachten mussten. und in Teilen abtransportierten.

 

 Wir selbst lebten dort noch ein paar Tage wie im Schlaraffenland bis die Lehrgangszeit abgelaufen war und wir wieder zu unseren Stützpunkten als Luftwaffenhelfer zurückmussten. 

 

 


Luftwaffenhelfer 1943-44

 


 

Unserem Gröfaz (grössten Feldherrn aller Zeiten) fiel es 1943 ein, dass man doch die Altersgrenze für den Dienst an der Waffe herabsetzen könne weil die Verluste in Russland enorm hoch waren. Die Lehrlinge waren im Alter von 15-17 meist in kriegswichtigen Betrieben beschäftigt

 

So kam man auf die Idee dass die Oberschüler doch auch was für den Endsieg beisteuern könnten. Also wurden die älteren Jahrgänge der Hitlerjugend die noch in die Schule gingen zu sogenannten Luftwaffenhelfern befördert.

 

Ich war gerade vor 3 Tagen 15 Jahre alt geworden,  1, 63 m gross und der jüngste in der Klasse,  da durften wir im Lufttanklager Weissenhorn/Schwaben 5 km von meinem damaligen Heimatort Illerberg entfernt,  einrücken. Dort wurde im Wald  synthetisches Flugzeugbenzin hergestellt das in grossen Tanks lagerte. Wir bekamen vorläufig einen schicken blauen Overall,  einen Stahlhelm( der mir viel zu gross war) und eine Luftwaffenschildmütze. Vormittags marschierten wir in unsere etwa 2 km entfernte Schule nachmittags,  wurden wir vom alten Feldwebel Kempf, der früher Polizist in Weissenhorn war,  an den Flakgeschützen ausgebildet

 

Die Geschosse hatten einen Durchmesser von 2 cm und eine Reichweite von 3km, dann zerlegten sie sich von selbst. Es waren 3 Patronensorten die im Magazin für 20 Schuss einsortiert waren. Eine Leuchtspur, eine mit Stahlmantel und eine mit Aufschlagzünder. Für die Bomber waren unsere Geschütze ungefährlich weil diese regelmässig höher als 3000 m flogen.

 

Die Geschütze waren im Wald auf etwa 30 m hohen Holztürmen montiert. Sie ragten über die Fichtenwipfel und man hatte eine wunderbare Rundumsicht. Unter dem Geschütz war ein Raum 4x4 m in dem wir 6 Mann Geschützbedienung schlafen konnten. Wenn bei Nacht Fliegeralarm war und wir am Geschütz standen,  mussten wir nicht in die Schule (6. Klasse) gehen. . Zu dieser Zeit war dies für uns jeweils ein Festttag. In den Schulferien fuhren wir zum Scharfschiessen nach Chieming am Chiemsee . Dort durften wir mit scharfer Munition auf einen Luftsack den ein Sportflugzeug hinter sich her zog schiessen. Einmal haben wir den Zugdraht zwischen Luftsack und Flugzeug getroffen.

 

Eine andere Abteilung hat sogar den etwa 400 m vorausfliegenden Flieger abgeschossen und wir hatten ein paar Tage frei. Für die später zu bekämpfenden Jagdflieger war das Flugzeug natürlich viel zu langsam, aber wir durften wenigstens einmal nach Herzenslust ballern. Unsere Ausbilder erzählten uns, dass sich einmal bei einer 3, 7cm russischen Beuteflakkanone das Geschoss sich nicht zerlegt hat und in einem Cafe auf der Insel Frauenchiemsee durch einen Tisch geschlagen ist an dem gerade 2 alte Damen gesessen sind. Zum Glück war es ein Vollmantelgeschoss und kein Aufschlagzünder sodass der Kuchen nicht zerfetzt sondern nur zerbatzt wurde.

 

Es war ein himmlisches Leben. Eine tolle Uniform im Luftwaffenblau, als „Orden“das Sportabzeichen und die kleine Plakette der DLRG. (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) an der linken Brustseite angesteckt auf der rechten Seite der fliegende Adler(intern der Beutegeier).  Alle Mädchen drehten sich nach uns um. Wenn wir ins Kino wollten, das für Jugendliche unter 18 Jahren gesperrt war, zeigten wir als Ausweis unsere „Hundemarke“her.

Dies war eine ovale Aluminiumscheibe mit doppelter Personalnummer , in der Mitte perforiert,  die jeder Soldat um den Hals tragen musste. Im Todesfalle wurde eine Hälfte abgebrochen und so war eine Identifizierung später relativ einfach. Aber an den Tod denkt man mit 15 Jahren noch nicht. Ausserdem lernten wir in Latein, dass es süss und ehrenvoll sei für das Vaterland zu sterben wie die alten Spartaner. Nachdem ein halbes Jahr  die Bomber bei Nacht nur über uns hinwegflogen und wir nicht zum Schuss kamen, hat anscheinend die Führung eingesehen dass wir nicht an der richtigen Stelle eingesetzt sind. Wir  wurden auf den Fugplatz  Leipheim bei Günzburg/Donau verlegt.

 

Zur Oberschule  (7.Klasse) nach Günzburg waren es jetzt schon 5 km aber es war kaum noch Unterricht. Einen bleibenden Eindruck hat bei mir ein junger Deutschlehrer namens Heldwein hinterlassen, der uns offen zum Widerstand gegen Hitler aufgerufen hat, zum Kreis der weissen Rose ( Sophie Scholl/Ulm) gehörte. Er wurde nach dem Attentat auf Hitler im Juli 44 hingerichtet.

 

In unserer Klasse waren dort auch die ebenfalls auf dem Flugplatz eingesetzten Buben der Oberschule Ulm, unter anderem Manfred Rommel der Sohn des Generalfeldmarschalls Rommel und spätere Oberbürgermeister von Stuttgart. Sein Vater war als „Wüstenfuchs“ beim Volk sehr bekannt und beliebt. Er war auch mit dieser Widerstandsgruppe verbunden und musste sich in dieser Zeit selbst das Leben nehmen. Meine Einstellung zum „Endsieg“ hat zu dieser Zeit einen schweren Knacks bekommen, obwohl ich immer noch auf die angekündigten „Wunderwaffen“ hoffte.

 

Auf dem Flugplatz waren die ersten Lastensegler „Gigant“ mit 60 m Spannweite. Sie waren aus Sperrholz und wurden von drei JU 52 hochgezogen und sollten bei Nacht im Gleitflug in Russland Nachschub zu den eingeschlossenen Verbänden bringen . Später kamen auch noch die ersten Turbinenflugzeuge der Welt,  die superschnellen „Messerschmid ME 262“ zur Erprobung auf den Platz.

 

Nachdem die Startbahn zu kurz war wurde zum Start die daneben liegende Autobahn dafür hergenommen. Unsere ca.  20 Geschützstellungen waren auf etwa 4m hohen Holztürmen seitlich der Start -und Landebahn angeordnet. Die Aufenthaltsbaracke auf dem Boden neben dem Turm. Der erste Einsatz war als 6 Spitfire-Jagdflugzeuge plötzlich etwa 50 m hoch über dem Platz auftauchten  und 2 der grossen Lastensegler in Brand schossen. Etwas dahinter kam noch mal ein Flugzeug auf das wir dann alle geschossen –(aber nicht getroffen)- haben. Später stellte sich dann heraus dass dies eine deutsche ME 109 war. Sie hatte eine ähnliche Form  und hat die feindlichen Flugzeuge verfolgt. Welche Schmach und Schande.

 

Ich habe meinen Eltern geschrieben. “hoffentlich kommen die Hunde bald wieder, damit wir ihnen das heim-zahlen können. “ Und sie sind wieder  gekommen aber nicht die Jäger, sondern 350 Bomber. In 7 Wellen zu je 50 Stück am hellen Tag. Voraus 2 „Pfadfinder“ die das Gebiet mit Rauchfallschirmen absteckten. Jede Pulk deckte etwa 200 m Länge des Flugplatzes mit Bomben ab.

 

Ich war als einziger noch auf dem Turm am Geschütz,  weil ich dachte dass vielleicht auch noch Tiefflieger kämen. Meine Schulkameraden  hatten schon Deckung in einem in der Nähe liegenden Obstgarten gesucht. Die Einschläge kamen näher und es war abzusehen, dass bei der nächsten Ladung wir dran waren. Ich schaute über die Holzbrüstung nach unten. Dort lag in voller Deckung flach auf dem Boden unser Zugführer Feldwebel Rohloff Ich fragte ihn was ich machen solle und er befahl mir, sofort herunter zu kommen. Also rannte ich die Treppe hinunter und legte mich in die Furche eines nahen Kartoffelackers.

 

Ich wollte nicht so weit weg, weil ich in der Baracke meine Ziehharmonika, (mein Heiligtum) hatte. Mein Gedanke war, wenn die Baracke getroffen wird und brennt,  bin ich schneller dort um sie herauszuholen. Mein Feldwebel  wechselte ebenfalls noch schnell seine Stellung. Zuerst lag ich auf dem Rücken und sah wie die Bomben, die für unseren Abschnitt vorgesehen waren ausgeklinkt wurden und wie Hagelkörner herunterkamen.  Als diese aber immer grösser und der Lärm immer lauter wurde, hab ich mich doch umgedreht die Auge zugemacht, gezittert und die Nase ganz tief in den Dreck gedrückt. Dann bebte die Erde, es krachte überall,  Erde fiel auf meinen Rücken . Dann war es seltsam still, nur das Gebrumm der abfliegenden Bomber war noch zu hören. Ich schaute auf, überall brannte es. Auch auf meinen Rücken war so eine gallertartige gelbliche brennende Masse gefallen die ich nur wegbrachte indem ich die Jacke auszog. Neben mir, 5 m entfernt war ein Trichter von etwa 1 m Durchmesser.

 

An einem Blindgänger, der die Geschützturmbrüstung streifte und genau an der Stelle zu liegen kam wo vorher mein Feldwebel in Deckung war sah man, dass es lauter 100 kg Brandbomben waren die hier niedergegangen sind. Sie waren aus etwa 3mm Blech und innen ganz mit dem Batz gefüllt, der von selbst zu brennen anfing wenn er an die Luft kam. Unsere Baracke brannte auch,  aber ich konnte meine - ach so heiss geliebte und selbst ersparte- diatonische Ziehharmonika noch retten . Meinen Kameraden im Obstgarten ging es nicht so gut. Hier fielen lauter etwa 20 kg Splitterbomben mit Sollbruchstellen die scharfkantige Splitter in der Grösse von Pommes-Frittes erzeugten. Sie hatten einen herausragenden Zünder, der die Bomben bereits teilweise in den Baumästen explodieren liess.  Auch am Boden gab es fast kein Trichterloch.

 

 Alle meine 6 Klassenkameraden waren tot und fürchterlich zugerichtet. Bei meinem Freund Andi Bosch lag der Stahlhelm mit seinem halben Kopf nebenan und sein rechter Fuss zeigte nach oben. Ausserdem fielen an anderer Stelle 7 Kameraden von anderen Schulen unter anderem der einzige Sohn des weltbekannten Zementwerkes Schwenk/ Blaubeuren.  Auf einmal war dieser Krieg kein Räuber-und-Schandispiel mehr. Durch irgendeine dumme Verwechslung wurde meine Mutter von einem Offizier angerufen, dass ich auch für Volk und Vaterland im heldenhaften Kampf gefallen sei. Als ich zwei Tage später auf Urlaub heimkam waren alle sehr erstaunt, weil am anderen Tag die Totenmesse für mich angesetzt war. Ich war längere Zeit der Gesprächsstoff Nr. 1 in Illerberg.

 

Nach dem Urlaub - ich war inzwischen“ Luftwaffenoberhelfer“geworden“-wurden unsere Geschütze etwa 500m weiter ausserhalb des Flugplatzes in Erdstellungen verlegt. Als Ersatz für unsere Verluste bekamen wir jetzt kaufmännische Lehrlinge. Zur Beseitigung der Blindgänger kamen Gefangene aus dem KZ Dachau. Halb verhungerte Gestalten mit gestreiften Schlafanzügen und Holzschuhen. . Sie duften zwar mit uns nicht sprechen, aber wir erfuhren doch dass ihnen die Entlassung versprochen wurde, wenn jeder 20 Bomben ausgegraben hätte. An Schule war nicht mehr zu denken. Immer wenn es bei Nacht bewölkt war musste unser Geschütz „lichtspucken“. Das heisst um den deutschen Nachtjägern die Orientierung zu erleichtern musste alle 20 Sekunden. ein Leuchtspurgeschoss in einer bestimmten Farbe senkrecht durch die Wolken geschossen werden. Dies ging manchmal stundenlang. Ansonsten war es einige Zeit ruhig, weil alles kaputt war.

 

Einmal musste ich mit einem Trupp russischer Gefangenen zum Brennnessel mähen ausrücken. Ich mit einem alten französischen Beutegewehr das fast genau so gross war wie ich selbst. Die Russen die mich überhaupt nicht beachteten,  mit Sensen und Handwagen. Ich hatte ganz schön Angst aber sie vielleicht auch. Von den Brennnesseln wurden dann die Stiele entfernt, die Blätter wurden gekocht,  mit Kartoffeln verknetet und daraus sogenannte Gemüsepflanzl gemacht. Sie sahen aus wie heutzutage die Hamburger bei Mac Donald. Man sagte sie seien sehr gesund und man werde nicht dick davon. Vielleicht wird so etwas mal wieder modern und im Bioladen recht teuer verkauft, weil viel Handarbeit dabei notwendig ist. Das Essen wurde immer weniger. Krautsuppe, Pellkartoffel, Kommissbrot mit viel Kartoffelmehl. Als Brotaufstrich nicht mehr Kunsthonig sondern Rübensirup.

 

Im Herbst 44 ging es dann wieder los. 70 amerikanische Jäger - meist Mustangs- waren über eine Stunde lang bei uns und flogen Karussell. 20 davon bekämpften  laufend die Flak, die anderen die neuen Me 262 Turbinenjäger am Boden. Unsere wesentlich schnelleren und dem Feind überlegenen Flugzeuge duften auf höheren Befehl nicht aufsteigen weil sie als schnelle Bomber vorgesehen waren. Ein Testpilot Hauptmann Böckler wurde sogar beim Landeanflug, der ihm befohlen wurde abgeschossen. Überall waren die feindlichen Maschinen und es knatterte und krachte dauernd. Wir selbst waren in einem Schussrausch und hatten gar keine Zeit um Angst zu haben. Die Flugzeuge waren aber fast nicht zu treffen weil sie sehr tief flogen und dadurch zu schnell für uns waren. (Die Geschütze wurden ja mit zwei Handrädern für Höhe und Breite bewegt). Man konnte deutlich die Köpfe der Piloten und das Mündungsfeuer der Bordkanonen sehen.

 

Mein K4 (Ladekanonier) Botzenhard bekam von hinten eine Kugel durch die Brust als er gerade ein Magazin einsetzte. Das Geschoss riss ihm auch noch die Sehnen seines linken Handrückens weg . Er sackte zusammen und betrachtete seine Hand. Den Brustdurchschuss hat er zuerst gar nicht gespürt. Zufälligerweise war in unserer Nähe ein Sanitätsfahrzeug, das ihn gleich behandelt und mitgenommen hat. Er hat wie durch ein Wunder überlebt. Unsere Kanone hat bei diesem Beschuss an der Rohrmündungsbremse auch etwas mitbekommen und schoss nur noch Einzelfeuer. In unmittelbarer Nähe war ein Erdloch mit etwa 3m Durchmesser. In der Mitte ein dicker Pfahl auf dem ein sehr schnell schiessendes Zwillings-Maschinengewehr  MG 181 montiert war. Es stammte von einen deutschen Nachtjäger ME 110, hatte hinten einen Pistolengriff und als Visier einen grossen Ring mit Kreuz. Es war sehr leicht zu schwenken und zu bedienen.

 

Nachdem niemand in der Stellung zu sehen war, spurtete ich hinüber. Vermutlich war der Schütze irgendwo in Deckung-, Kurze Zeit später kam eine Maschine im Direktanflug auf mich zu. Ich hielt gut vorne drauf und liess den Abzug nicht mehr los. Aus den Tragflächen blitzte laufend das Mündungsfeuer seiner Waffen. Das ganze dauerte etwa 20 Sekunden,  dann etwas später und weiter weg ein Krach und ein Feuerball. Eine Maschine ist am Boden zerschellt. Ob ich sie getroffen habe oder die anderen Kameraden von der Vierlingsflack konnte natürlich nicht geklärt werden.

 

Ein Lauf meines Maschinengewehres war seltsam verbogen. Beim näheren hinsehen habe ich festgestellt, dass ein Geschoss genau in das Mündungsloch des Laufes eingedrungen war. Ein zweites Geschoss ist bei mir  unterhalb der Achselhöhle durch den Overall gegangen. Ich hab mich geärgert und gedacht wenn es doch 3 cm weiter oben oder seitlicher gegangen wäre, dann hätte ich einen „Heimatschuss“ und das Verwundetenabzeichen bekommen. Es wurde mir aber dann vor versammelter Mannschaft dann das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern vom General Zenetti angeheftet, der ein paar Tage später extra von München gekommen ist.Anschliessend wurde ich in einem offenen Cabriolet mit dem Gauleiter zusammen wie ein prämierter Stier eine halbe Stunde lang durch Günzburg gefahren.

 

Nachdem ich noch keinen Alkohol trinken durfte weil ich  nicht volljährig war,  bekam ich bei der anschliessenden Feier ein Sektglas mit Wasser in dem reichlich Erdbeermarmelade verrührt war.

Ich war dann noch eine kurze Zeit „Luftwaffenhelfermannschaftsfüher“ mit 2 Silberlitzen und einem Stern auf den Achselklappen . Mit dem Ordensband im Knopfloch, dem Segelflugabzeichen und dem Lebensretterschildchen an der Brust sowie dem Flakkampfabzeichen am linken Ärmel. stolzierte ich daher wie ein Pfau auf der Brautschau bis ich dann im Herbst 44 zum Arbeitsdienst einberufen wurde.

 


 

Soldatenzeit 1945

 

 

Die Idee des Arbeitsdienstes war früher,  die Jugendlichen ab 17 für ein Jahr von der Strasse  wegzubringen,  in die Gemeinschaft zu integrieren,  kostenlose Arbeitskräfte für gemeinnützige Arbeiten zu haben und auf die darauf folgende Wehrmachtszeit ab 18 Jahre vorzubereiten. Die Burschen wurden mit Spaten ausgestattet,  unter anderem zum Moore trockenlegen und Autobahnen bauen.

 

Die Mädchen (Arbeitsmaiden) wurden zur Altenpflege, als „Wehrmachtshelferinen" und zur Hilfe bei Notfällen eingeteilt. Später als die Verluste der Soldaten immer mehr wurden, ist das Einberufungsalter zur Wehrmacht auf 17 Jahre heruntergesetzt worden . In dem zu meiner Zeit verkürzten Arbeitsdienst von 3 bis 6 Monaten wurde die Grundausbildung am Karabiner durchgeführt, verbunden mit exerzieren, Griffe klopfen und Geländemärsche zur körperlichen Ertüchtigung. Also wurde auch ich im Spätherbst 1944 zum sogenannten Arbeitsdienst nach Alberschwende im Bregenzer Wald , abkommandiert.

 

Ich bekam von der Schule einen „Reifevermerk“ ausgestellt, der mir zusicherte dass ich nach dem Endsieg auch ohne Abitur die Hochschulreife hätte und überall studieren könne. Nach dem Empfang einer braunen Uniform mussten wir uns aufstellen und ein Offizier schritt die Reihe ab. Bei mir blieb er plötzlich stehen und stutzte. An meinem Knopfloch war ein Ordensband befestigt wie er auch eins hatte.

 

So etwas war ihm noch nie vorgekommen. Er palaverte mit mir eine Zeit lang woher wann und wieso und  nahm mich dann mit. Ich wurde sofort Bursche im Offizierskasino, Stubenältester, vom Grundwehrdienst befreit und einer Theatergruppe zugeteilt. Was so ein Orden doch alles ausmacht. Während die anderen im „Schiessgarten“ saugend und schraubend den Karabiner umfassen und über den Erdhügel schieben mussten, sah ich ihnen vom Liegestuhl aus zu und lernte den Text des „Vogelhubers“ vom „Sündigen Dorf“. Noch gemeiner war es wenn sie singend mit aufgesetzter Gasmaske im Laufschritt einen Berg hinauf- und herunterrennen mussten.

 

Unsere „Schauspielergruppe“ ging dann in Vorarlberg 3 Wochen auf Tournee. Unsere weiblichen Schauspieler waren Arbeitsmaiden und wir hatten alles was wir uns wünschten. Ich hatte es wieder einmal gut getroffen. Der einzige Wehrmutstropfen war, dass von meiner Stube der Kamerad Kaltenbrunner plötzlich fehlte. Ein paar Tage später erfuhren wir, dass er bei Nacht über den alten Rhein in die nahe gelegene Schweiz fliehen wollte. Die Schweizer haben ihn aber wieder zurückgeschickt und man hat ihn gleich erschossen. Es hat mich aber doch noch zum Arbeiten erwischt. Es war nämlich sehr kalt und es hatte sehr viel Schnee.

 

Das Heizmaterial für unsere Kanonenöfen in den Baracken ging aus und wir  mussten alle zum Holzfällen in die etwa 5 km entfernte Tiroler Ach absteigen. Die Schlucht war sehr steil und die Holzstücke sehr schwer. Ausserdem rutschte man beim hochsteigen dauernd wieder ab.

Es war die ganze Woche eine elendige Schinderei. Abends bekam dann jeder noch einen Meter Baumstamm auf die Schulter und  musste ihn im Schneetreiben Heimtragen. Damals habe ich mir geschworen, dass ich nach dem Krieg die Berge nur noch von unten, die Kirchen von aussen und  nur die Wirtshäuser von innen anschauen werden. Zu dieser Zeit waren wir alle schon  fest überzeugt dass der Krieg verloren ist und dass es nun darauf ankam möglichst zu überleben.

Nachdem ich zu dieser Zeit nach den Segelfliegerprüfungen als Waffengattung die Luftwaffe ausgesucht habe,  wurde ich anfangs Januar 1945 nach München zur Flugtauglichkeitsprüfung befohlen. Ein Irrsinn, ein deutsches Flugzeug war zu dieser Zeit nicht mehr am Himmel und die meisten Luftwaffensoldaten waren als Fallschirmjäger im Erdkampf eingesetzt. Der Zug ging nur bis Pasing (der Hauptbahnhof  war bei Nacht zerstört worden )und ich  marschierte früh morgens zum Luftgaukommando VII in die Prinzregentenstrasse 22. Überall brannten die Häuser und Tote lagen noch auf der Strasse. 

 

Ich wurde auch tatsächlich am selben Tag noch untersucht, für tauglich befunden und weiter zum Flugplatz noch Kaufbeuren kommandiert. Die Allierten waren schon am Rhein. An eine Flugausbildung war nicht mehr zu denken. Es stand zwar noch eine alte Klemm 35 im Hangar,  mit Panzerfäusten unter den Knickflügeln montiert, aber es war kein Benzin mehr zum Fliegen da.

 

Also wurde ich wieder zur leichten Flak am Rollfeldrand eingeteilt. Es erfolgten aber keine Bombenangriffe, weil es sich anscheinend nicht lohnte. Es waren keine Flugzeuge auf dem Rollfeld. Lediglich 2 amerikanische Jagdflugzeuge kamen jeden morgen ziemlich früh und schossen ein bis`chen umeinander. Einmal  waren sie schon da,  als ich noch auf dem Weg zu meiner Stellung über das Rollfeld lief. Ich legte mich als alter Hase längs zu ihrer Schussrichtung und sie haben mich nicht getroffen.

 

Die Front kam immer näher,  der Fliegerhorstkommandant rief zur Verteidigung auf und jeder konnte sich Waffen heraussuchen die er wollte. Es war ein fürchterliches Durcheinander und keiner wusste unter welchem Befehl er stand. Ich suchte mir eine bildschöne neue Pi 38 Pistole und eine Panzerfaust heraus und schaute mich mit zwei Kameraden um wie wir am besten die Kurve kratzen könnten.

 

Durch Zufall sahen wir einen „Opel Blitz“ der gerade anfuhr und wir sprangen auf. Etwas ausserhalb der Stadt erzählten uns die 2 Fahrer ein Feldwebel und ein Unteroffizier,  dass sie abhauen wollten und alles schon länger vorbereitet hatten. Der LKW war mit ein paar Bordkanonen für Me 109 Jagdflugzeuge beladen und sie hatten sich selbst einen Marschbefehl zum Flugplatz Holzkirchen ausgestellt wohin diese transportiert werden sollten. Die Fahrt ging von Kaufbeuren Richtung Schongau. . Laufend waren feindliche Flugzeuge,  Aufklärer und Jagdflieger in unserer Nähe.

 

Wir standen auf der Ladefläche des kleinen Lastwagens und immer wenn ein Flieger direkt im Anflug war klopften wir auf das Dach der Kabine. Der Fahrer stoppte sofort und wir sprangen ab in den Strassengraben. Das Auto bekam.  viele Einschüsse aber wie durch ein Wunder blieben Motor und Reifen heil. Einmal- vor Apfeltrach- war auf einer kleinen Anhöhe ein einzelner Bauernhof . Wir suchten Deckung und fuhren in den Hof. Da kam weinend der Bauer heraus und bat uns händeringend, dass wir doch weiterfahren sollen, weil sonst sein Hof zusammengeschossen würde,  wenn wir stehen blieben. Wir haben das eingesehen und sind weitergefahren. Keine 100 m weiter war schon wieder ein Flieger da und machte Jagd auf uns. Es war aber ein grosser Misthaufen in der Nähe hinter dem wir gute Deckung hatten. Der Bauer konnte froh sein, dass seinem Hof nichts passiert ist.

Überall war völlig ungeordneter Rückzug und Chaos. Nur ein paar alte Männer vom Volkssturm-- hoben neben den Strassen Löcher aus und setzten Holzstämme als sogenannte Panzersperren ein. Und immer wieder die Jagdflieger die sich einen Spass daraus machten auf jeden einzelnen Mann zu schiessen. In Schongau waren wir die letzten , die über die Lechbrücke kamen bevor sie gesprengt wurde.

 

In einem Dorf etwas weiter,  ich glaube es war Peissenberg hingen an einem Obstbaum 2 Männer mit Tafeln vor der Brust und heraushängenden Zungen. Wir fuhren mit schlechtem Gewissen schnell daran vorbei. In Geretsried im Lufttanklager bekamen wir mit dem gefälschten Marschbefehl sogar noch Benzin. In der Gegend von Seeshaupt sprang ein Fahrer ab. Es war der Unteroffizier und er sagte er sei hier zuhause. Wir kamen tatsächlich bis nach Holzkirchen. Auf dem Flugplatz war noch eine Jagdstaffel mit drei ME 109. Man merkte dass der Hauptmann, dekoriert mit vielen Auszeichnungen,  auch keine Lust mehr hatte für das Vaterland zu sterben.

 

Er sagte, dass er uns nicht brauchen könne, dass es aber seit gestern eine Verfügung gebe, dass Jugendliche unter 17 Jahren entlassen werden könnten und stellte uns mehr oder weniger offiziell einen Entlassungsschein aus der Wehrmacht aus. Uns kam das schon etwas komisch vor, aber zu dieser Zeit, etwa 25. April 45 war ja in München gerade ein Aufstand (General Epp)und niemand wusste so richtig  wohin er gehörte. Nun was machen? Am. besten in die Berge und warten bis die Front vorüber ist.

 

Also losmarschiert Richtung Kochelsee zur Benediktenwand. In Benediktbeuern hält uns ein junger Fahnenjunker von der SS an und fragte uns wohin wir wollen. Wir erklärten ihm dass wir Zivilisten seien und in die Berge wollen. Er bat uns etwas zu warten. Als er aber nicht mehr zu sehen war und uns die Sache so vorkam als ob wir wieder Soldaten werden sollten,  haben wir uns ganz schnell aus dem Staub gemacht. Später haben wir erfahren dass dort die SS Offiziersanwärterschule von Bad Tölz gerade eine Stellung zur Panzerbekämpfung aufbaute und uns sicher als Kanonenfutter hätte brauchen können. In Bichl sind wir dann hinauf in die Berge gegangen. Als erstes haben wir im Bergwald einen Hauptmann von der Luftwaffe mit Ritterkreuz getroffen. Wir haben gleich gesehen dass auch er sich von der Front  abgesetzt hat und wir haben uns mit ihm zusammengetan. . Dann trafen wir noch einen Trupp mit 4 französischen Kriegsgefangenen. Diese hatten natürlich viel Angst vor uns und unseren gezogenen Pistolen. Wir sagten uns,  dass sie vielleicht sehr nützlich sein könnten wenn wir später auf die Amis treffen

 

Also durften sie mit uns mitgehen. Vom Berg aus sah man wie in einem Sandkastenspiel die Panzer vom Westen her auf die Dörfer zukommen und die SS mit der 8, 8 cm Flak schiessen.

Abends war dann Ruhe und alles vorbei. Die Nächte Ende April waren sehr kalt und es fiel etwas Schnee. Wir hockten ganz dicht beieinander im Fichtenwald und zogen die Mäntel  über unsere Gruppe. An Schlaf war fast nicht zu denken. Es war alles andere als gemütlich. Ausserdem hatten wir Hunger weil wir schon 2 Tage nichts mehr zu futtern hatten. Wir waren- unserer  Meinung nach- auch schriftlich bestätigte Zivilisten.

 

Also verliessen wir unsere Notgemeinschaft und begannen am 1. Mai 1945  früh mit dem Abstieg vom Bergwald. Die Pistolen haben wir vorher vergraben(20 Jahre später aber leider nicht mehr gefunden). Etwas weiter unten haben wir 2 alte Bauersleute getroffen die vom Dorf kamen. Sie sagten uns dass wir jungen Burschen von den Amis nicht beachtet würden und wir problemlos nach Hause gehen könnten.

 

Am Dorfrand sahen wir plötzlich dicke ungewohnte Helme und Maschinengewehre hinter Holzhaufen und sonstigen Deckungen auf uns gerichtet. Ohne besondere Aufforderung begannen wir sofort die Hände über den Kopf zu strecken und gingen mit mehr oder weniger schlotternden Knien auf den Feind zu. Damit war der Krieg für uns vorbei. 


Gefangenschaft 1945

 


PW

 

Ich hatte wieder einmal überlebt. Am 1. Mai 1945 war für mich in Bichl in der Nähe des Kochelsees in Bayern der Krieg aus. Einem kleinen Irrtum bin ich allerdings erlegen. Ich dachte, ich zeige den amerikanischen Soldaten meinen vor einer Woche von einem freundlichen Hauptmann auf Grund meiner Jugend ausgestellten Entlassungsschein und sie lassen mich heimgehen nach Illerberg. Die Papiere wollten diese aber überhaupt nicht sehen. Ich hatte eine Luftwaffenuniform an.

 

Die Rangabzeichen zwar vorsorglich abgetrennt aber ich war für sie ein Soldat und damit ein PW = Prisoner of War also Kriegsgefangener. Dieses. Zeichen wurde später ganz gross mit weisser Ölfarbe auf den Rücken der Jacke und auf das Hemd aufgemalt. Wir waren 6 Mann, davon einer von der SS die im Garten des ehemaligen  Nazi-Ortsgruppenleiters von Bichl zusammengetrieben wurden. Nachdem ich der einzige war der etwas englisch konnte, habe ich mit unserem Bewacher, einem 20 jährigen Studenten aus Neu-York gesprochen. Er interessierte sich sehr über mein Schicksal und schenkte mir dann eine Tafel Schokolade. Ich log ihn an,  dass ich so was noch nie gegessen hätte. Ausserdem erzählte ich ihm dass meine Familie im Bombenhagel umgekommen und ich Vollwaise sei.

 

Er war so gerührt, dass er mir einen Karton deutscher Mokri-Zigaretten gab. Er hatte sie aus dem Hamsterlager des Nazi-Bosses von Bichl. Ich verstaute sie gleich in meinem Rucksack. Obwohl ich selbst nicht rauchte haben sie mir später als Tauschobjekt gute Dienste erwiesen.Er gab er mir auch aus dem Fundus Lebensmittel und eine Flasche französischen Cognac. Mit gekonntem Schwung hat er der Flasche den Hals  abgeschlagen. So etwas hatte ich dann tatsächlich noch nie getrunken und ich war von 2 Schluck schon leicht benebelt.

 

Plötzlich kam dann fuchsteufelswild ein Sergeant und stauchte unseren Bewacher zusammen. Er verbot ihm mit uns zu sprechen und sagte ihm dass er gestern Abend noch beim Kampf mit der SS seinen besten Freund verloren hätte. Er könne es überhaupt nicht verstehen  dass es noch deutsche Soldaten gäbe die am Rande der Alpen noch nicht glaubten dass der Krieg verloren sei. Er nahm den SS Fahnenjunker ziemlich unsanft mit. Nach kurzer Zeit hörten wir 3 Pistolenschüsse. Als der Sergeant wieder zurück kam sagte er unserem Bewacher, dass der Gefangene fliehen wollte.

 

Ich nahm nochmals einen kräftigen Schluck aus der Pulle und weiss dann nur noch dass ich die nächsten 3 Tage mehr oder weniger besoffen und die Flasche leer war. Mit offenen Armeelastwagen beladen jeweils mit 50 Mann dass man in den Kurven nicht umfallen konnte, wurden wir über Murnau und Augsburg innerhalb 2 Tagen nach Heilbronn transportiert. Alle Gefangenenlager waren überfüllt.  Wir fuhren am 3. Mai in Mannheim über den Rhein. Für die Zivilbevölkerung dieser Gegend war der Krieg schon längere Zeit vorbei und die Frauen warfen Brot und Gemüse auf unsere Lastwagen. Das Wetter war sehr schön und ich genoss die für mich völlig unbekannte schöne Gegend. Ich kannte bis dahin mit meinen 17 Jahren ja nur einen kleinen Teil von Bayern und Württemberg sowie das Bodenseegebiet. In Ludwigshafen war dann ein grosses Gefangenenlager, aufgeteilt jeweils in Einzelcamps zu je 1000 Mann. Unsere Abteilung war auf einem ehemaligen Kartoffelacker. In der Mitte ein kleiner Graben mit etwa 20 cm Wasser. Meine Kameraden von der Flucht in die Berge am Ende des Krieges habe ich in der Zwischenzeit verloren aber den Ritterkreuzträger wieder getroffen. Er war in der Zwischenzeit so etwas wie ein Verbindungsmann zur Lagerverwaltung und hat mich etwas betreut.

 

Es gab eine Woche lang überhaupt nichts zu essen nur echten schwarzen Kaffe, der mir völlig neu war und den die Feldküche Tag und Nacht kochte. Einmal kam ein Rot-Kreuzfahrzeug mit von der Bevölkerung gespendeten Broten ins Lager. Nachdem diese natürlich nie für alle ausreichten, kamen unsere Bewacher auf die Idee, dass jeder ein Brot bekommt der einen Orden eintauscht.  Beim zweiten Besuch waren keine Orden mehr da nur noch Ordensbänder. Einige besonders schlaue haben sich aus den Knobelbechern(Stiefeln) die schwarz-weissen Zugschlaufen herausgetrennt und an die Uniform geheftet um etwas abzubekommen. In dem Acker waren alle 3o cm kurze Zeit vorher Saatkartoffel in die Furchen eingelegt worden. Diese wurden jetzt eifrig mit den Händen ausgegraben, am Graben gewaschen und roh gegessen.

 

Der Graben diente auch als Waschgelegenheit und Pissoir. Ich habe mir jeden Tag für drei Mokri-Zigaretten aus meinem Rucksack eine rohe Kartoffel eingetauscht. Es gab Leute für die der Entzug von Tabak schlimmer war als der Hunger. Am achten Tag bekamen 100 Mann zusammen 3 amerikanische Watte-Weissbrote. Beim aufteilen schauten alle argwöhnisch zu damit es ja gerecht zugehe.  Jeder bekam dann einen kleinen Brocken. Am Tag darauf bekamen 10 Mann ein Brot und dann wurde es was die Verpflegung anbetrifft einigermassen erträglich.  Wir waren ja nicht verwöhnt.

 

Für mich war die Situation verständlich. Die Verpflegung für die riesige Menge von Kriegsgefangen am Ende des Krieges war fast nicht zu schaffen. Anfang Mai regnete es sehr viel und unser Lager auf offenem Feld war bald ein einziger Morast. Ich hatte das Glück eine Stacheldrahtrolle zu ergattern,  die meine Sitzgelegenheit wurde. Neben mir  war ein Landser, der Funker im Führerhauptquartier war. Er erzählte mir viele interesannte persönliche Dinge von unserem früher ach so verehrten Führer Adolf Hitler. Zum Beispiel dass er keine Eier mehr hatte, weil ihm diese im 1. Weltkrieg mit einem Teil seines Zipfels weggeschossen wurden. Bei Nacht wenn es regnete sass er mir gegenüber im Dreck, ich auf meiner Drahtrolle. Wir zogen meinen Mantel (er hatte keinen) über unsere Rücken, die Köpfe dicht nebeneinander. Ein Wunder dass ich nicht einmal einen Schnupfen bekam obwohl ich mehrere Tage patsch nass war und gefroren habe wie ein Hund. Einige aus meiner Nachbarschaft haben sie jedoch schon hinausgetragen.

 

Dann wurde es sehr heiss und mich wunderte, dass manche Gefangene ohne Hose herumliefen und Blut an ihren dünnen weissen Waden herunterlief. Sie hatten die Ruhr und ich überlegte die ganze Zeit wie ich hier wegkommen könnte. Mein Ritterkreuzträger und Gönner suchte zu dieser Zeit 10 Schneider im Lager und ich meldete mich sofort weil ich dachte ich käme zum Stammpersonal das gut verpflegt wurde. Am selben Tag noch wurde ich jedoch mit anderen wirklichen Schneidern und auch anderen Handwerkern in einen Viehwaggon verfrachtet und ab ging es nach Frankreich. Die 2 Tage im geschlossenen und versperrten Wagen waren fürchterlich. Hitze, fast keine Luft zum atmen und kaum etwas zu trinken.

 

Austreten? - Nach draussen konnte man nicht. Der einzige Kübel für 30 Mann , reichte nicht mal fürs „Grosse“ aus und es stank bestialisch. In Epinal schwankten wir auf einen Sportplatz, es war immer noch sehr heiss. Wir mussten uns dort nackt ausziehen und wurden zur Entlausung über und über mit dem heute verbotenen DDT-Pulver eingesprüht. Einige bekamen einen Sonnenstich und ich sah wie man sie hinaustrug und ihnen mit einem Schlauch Wasser einflösste. Sofort half ich den Trägern und bekam so selbst was zu trinken.

Die Nacht verbrachten wir komfortabel in einer überdachten Halle mit Betonboden, Es war allerdings etwas ungewohnt hart zum Liegen.  Es war Pfingsten und es gab ein Festessen. Eine Sauerkrautsuppe mit Kartoffelbrei und ein paar  winzige Rindfleischstückchen-wahrscheinlich corned-beef-drin. Weiter ging es im offenen Güterwagen der Eisenbahn. Wir hatten jetzt zwar jede Menge Luft aber auf jeder Brücke standen Franzosen und warfen mit scharfen Granitschottersteinen auf unseren Wagon. Es gab böse Verletzungen und man konnte sich nur etwas schützen indem man seinen Rucksack vor das Gesicht hielt.

 

Die nächste Station war Nancy. Am Bahnhof arbeiteten deutsche Kriegsgefangene die in französische Gefangenschaft geraten waren. Sie sahen noch erbärmlicher aus als wir und uns verging der Gedanke an Flucht. Bei Nacht marschierten wir durch den bekannten Stadtplatz mit den vergoldeten Toren. Aus einem Gebäude kamen gerade Menschen, die offensichtlich einen Film über die deutschen Konzentrationslager mit den ganzen Greultaten und den Toten angesehen hatten. Sie fielen über uns her und verprügelten uns mit allem was sie hatten. Als unsere Bewachung dann Warnschüsse abgab wurde es dann ruhiger und man hörte einen vielstimmigen Sprechchor „Boche, Boche, Boche“(auf deutsch etwa Schwein. Unser vorbereitetes Zeltlager lag sehr schön an einem Hang. Wir Schneider hatten 2 Zelte  und ich  war mal wieder so richtig froh.

 

Nun konnte ich sogar noch kostenlos Frankreich kennen lernen. Die erste Zeit mussten wir mit einem Tischmesser, dem man die Klinge zu Hälfte abgebrochen hatte, Reissverschlüsse aus alten amerikanischen Windjacken heraustrennen.  Unsere Arbeitsstätte lag etwa 2 km vom Lager entfernt. Wir mussten im Gleichschritt auf der Mitte der Strasse marschieren weil es öfters zu Differenzen mit der Zivilbevölkerung kam. Sie schlugen auf unsere Gruppe ein und wir mit unseren Kochgeschirren,  die mit Steinen gefüllt an einer Schnur befestigt waren,  zurück.

 

Die nächste etwas anspruchsvollere Arbeit war in einer alten Fabrik. Es mussten Splitter-und Schusslöcher von alten deutschen Uniformen mit einer Singer-Nähmaschine vernäht werden.Ich stellte mich dabei nicht  besonders geschickt und professionell an, sodass ich in die Wäscherei versetzt wurde und Unterwäsche zusammenlegen durfte. Mit der Zeit wurde mir dies zu langweilig und ich meldete mich zu einer Transportgruppe die Wäschesäcke über eine Treppe in den 1. Stock transportieren musste. Dies war zwar eine schwere Arbeit aber oben waren etwa 20 junge französische Näherinnen mit denen man flirten konnte. Ich war der jüngste der Truppe und oben bei diesen der Hahn im Korb. In der Früh bekam ich von den Mädchen immer ein halbes langes Weissbrot(es hiess Baquette), in der Länge aufgeschnitten und mit Butter, Marmelade , manchmal auch mit Schokolade belegt.

 

Einmal habe ich eine Gönnerin sogar unter der Treppe geküsst. Das hat ein amerikanischer Unteroffizier gesehen, der auf das Mädchen vermutlich eifersüchtig war. Er hat unseren Trupp sofort aufgelöst und wollte uns zum Minen suchen in die Normandie schicken. Wir überlegten uns schon ob wir nicht lieber( wie viele von der SS) uns freiwillig zur Fremdenlegion melden sollten. Offensichtlich hat jedoch sein Vorgesetzter die Angelegenheit nicht so tragisch gesehen und es blieb bei einer Verwarnung.

 

Zu dieser Zeit suchte man in der Fabrik 2 Maler und ich meldete mich hier als Spezialist. Wir bekamen einige Kübel olivgrüner Ölfarbe und mussten die ganzen Wände 2m hoch anstreichen. Die Arbeit konnte teilweise im Sitzen erfolgen und wir liessen uns sehr viel Zeit. Es wurde aber auch sehr schön und niemand zweifelte an meinen Spezialkenntnissen. Im Lager selbst herrschte Zucht und Ordnung. Bei Kameradendiebstahl bekam der Delinquent ein Pappschild vor die Brust. Er musste den ganzen Tag im Mantel mit dem Schubkarren einen Kieshaufen in einer bestimmten Zeit von einer in die andere Lageecke befördern. Wenn er fertig war musst er ihn wieder zurückkarren.

 

Die schwerste Bestrafung der eigenen Lageverwaltung war das Eingraben in den Boden bis zum Kopf den ganzen Tag lang. Der Mann bekam nichts zu trinken und konnte sich gegen Ungeziefer in seinem Gesicht nicht wehren. Es gab auch einen Wettbewerb für die schönste Lagerstrasse, wobei mit zerbrochenen farbigen Glasflaschen und Steinen richtige Kunstwerke und Steingärten gemacht wurden. Im Sommer wurden alle gefangenen Buben unter 18 in Frankreich herausgesucht und kamen in das sogenannte Baby-Cache nach Attichy. Dies ist ein kleiner Ort nördlich von Paris. Es kamen 1000  Burschen dabei zusammen. Die jüngsten zwei waren erst 12 Jahre und aus Kempten. Die SS hatte diesen Pimpfen eine Panzerfaust in die Hand gedrückt und ihnen gesagt, sie sollten hinter einem Fenster warten bis ein Panzer ums Eck kommt und dann abdrücken. Es hat geklappt. Als sie sich umsahen und sich zurückziehen wollten,  waren alle deutschen Soldaten schon längst weg. Sie bekamen dann als erstes von den Amis den Arsch versohlt. In diesem  Lager sollten wir zu christlichen und demokratischen Menschen umgeschult werden. Auch die sonst recht knappe Verpflegung war hier besser. Man bekam zusätzlich jeden Tag einen halben Liter süsse Suppe aus Trockenmilch, Reis, Zucker und etwas Dörrobst drinn. Als unser Transport am Lager ankam standen die Burschen die schon länger da waren beidseits Spalier um eventuelle Bekannte zu entdecken. Wir hatten alle auf unseren Mützen unsere Heimatorte geschrieben bzw. gestickt. Da kam auch schon einer auf mich zu und begrüsste mich. Es war der Thalhofer Schorsch aus Jllerberg, ein Klassenkamerad aus der Volksschule. Ein solcher Zufall. Er weihte mich gleich in die Besonderheiten des Lagers ein und gab mir den Tip ich solle beim Lagerpfarrer angeben dass ich zwar katholisch aber noch nicht gefirmt sei. Es gäbe bei der Firmung zwei Stück Kuchen und eine Tafel  Schokolade. Ich habe den Tip dann noch an mir vertrauenswürdig erscheinende Kameraden weitergegeben. Es kam dann nach einiger Zeit tatsächlich ein Bischof von Paris und nahm die Zeremonie vor. Ich habe heute noch keine Gewissensbisse über diese Notlüge und dachte mir damals dass doppelt gefirmt besser sei als gar nicht.  Das Firmungsgeschenk habe ich brüderlich mit dem Schorsch geteilt.

 

Natürlich wurde bei diesem Haufen von Jugendlichen aus Langeweile viel Unsinn getrieben. So nähte sich einer um einen halben Liter Suppe einen Knopf an die Backe. Heute nennt man so was wahrscheinlich „Piercing“. Ein anderer wollte für ein Brot 12 Klimmzüge aus dem “Zwölfzylinder“ machen. Dies waren zwei breite Bretter mit je 6 Löcher mit etwa 35 cm Durchmesser . Hier konnte man Rücken an Rücken darauf sitzen und- gewählt ausgedrückt- den Darminhalt ablassen.  Die darrunterliegende Grube war etwa 3 m tief und der Inhalt wurde jeden Tag mit Kalkpulver bestreut. Unser mutige Kamerad liess sich an einem Loch hinterunter. Nach dem 3. Klimmzug schnappte er jedoch schon nach Luft. Wenn wir ihn nicht sofort mit viel Mühe durch das enge Loch gezogen hätten wäre er sicher bewusstlos geworden und in der Scheisse ersoffen.

 

Wir hatten Zelte für etwa 30 Mann, darunter war etwa 1m die Erde ausgegraben, damit man besser gehen konnte. Als Lagerfläche bekamen wir Stroh, das jeder mehr oder weniger kunstvoll zu einer Matte zusammengeflochten hat. Eines Tages fiel uns auf, dass fast jeder von unserem Zelt an seinen Schamhaaren herumwurstelte und herumdrückte. Wir hatten Filzläuse,  auf gut deutsch„Sackratten“ . Aber woher. Der Verdacht fiel auf Hans-(für uns John) -Knittl aus Passau der anscheinend während der Schlacht in den Ardennen einen Dachschaden erlitten hatte. Er hatte uns erzählt,  dass sie einmal einen sehr starken Beschuss gehabt hätten. Aus Erschöpfung sei er eingeschlafen und erst wieder aufgewacht als in die Amerikaner wegtragen wollten. Er sei voll Blut, vermutlich von einem neben ihm gefallenen Kameraden gewesen. Seine Erkennungsmarke war zur Hälfte abgetrennt. Wahrscheinlich haben die eigenen Leute ihn für tot gehalten und dies in die Heimat gemeldet. Dieser John hatte sich nie gewaschen und nie seine Jacke ausgezogen (wir selbst haben unsere Unterhose alle Woche mit kaltem Wasser gewaschen, ob es notwendig war oder nicht). Beim Schlafen hat er sogar seine Mütze aufgelassen. Wir haben ihn ausgezogen und festgestellt dass er am ganzen Körper wimmerl-ähnliche Pusteln hatte. Wenn man die ausdrückte kamen Filzläuse heraus. Er wurde mit Wurzelbürste und Schmierseife von uns behandelt und schrie fürchterlich. Seine Kleider haben wir verbrannt. Er lag die Nacht nackt vor dem Zelt,  kam dann in die Krankenstation und wir haben nichts mehr von ihm gehört.

 

Schlimm war dass wir und unser ganzes Zelt wieder mit DDT entlaust wurden. Meine Beschäftigung bestand normal darin,  dass ich mit einer Rasierklinge aus farbigen Zahnbürstenstielen,  die es bei den Amis in Mengen gab,  kleine Glücksbringer wie Kleeblätter, Herzchen, Hufeisen Schweinchen Elefanten usw. schnitzte. Ausserdem hatte ich ein Brennglas irgendwo mitgehen lassen und brannte in amerikanische Überseekartons Bilder ein. Die Kartons hatten in der Mittelage eine schwarze Teerschicht und man konnte ganz schöne Sachen daraus machen. Meistens zeigten meine Bilder einen Berg mit Fichtenwald, einen See mit Segelboot und am Ufer eine kleine Kirche, vorne noch ein paar Blumen. Meine Produkte fanden als Zeltdekoration bei dem dicken fetten Stammpersonal in der Lagerküche und bei den Bewachern gegen Essen reissenden Absatz.

 

Die Zahnpasta die nach Erdbeeren schmeckte trockneten wir in kleinen Kügelchen an der Sonne und lutschten sie dann als Bonbons. Einmal spürte ich etwas Zahnweh und meldete mich in der Sanitätsbaracke. Ich kam in einen Raum mit einem Stuhl und davor ein Zahnbohrer zum Treten. Der amerikanische Zahnarzt vermutlich seinem Dialekt nach italienischer Abstammung fragte mich wo es weh täte.  Ich zeigte ihm die Stelle. Ohne weitere Untersuchung nahm er eine Zange, sein Assistent, ein hünenhafter Neger packte mich beim Kopf und sie rissen mir ohne jede Betäubung einen Backenzahn - ich glaube es war der falsche - heraus. Seit dem habe ich was gegen italienische Zahnschlosser.

 

Im Herbst glaubten dann unsere Sieger, dass wir genug sittliche Reife erworben hätten. Wir hatten fast jeden Tag Unterricht, mussten drei mal die KZ-Filme ansehen, Psychologische Tests mitmachen und hatten  die Möglichkeit viele Sprachen zu lernen, wenn wir wollten. Wir wurden also wieder in Güterwagen verfrachtet, diesmal jedoch nicht so viele und mit Verpflegung und nach Deutschland im Viehwaggon zurücktransportiert. In Bamberg im Sportstadion war das Entlassungslager. Mit 20 Mark Entlassungsgeld begann für meinen Schulkameraden Thalhofer und mich dann die Odysee in die Heimat.

 


Nach dem Krieg  1946-48

 

Wir,  das heisst mein Schulkamerad Schorsch den ich im Gefangenenlager durch Zufall getroffen hatte und ich, standen nun mit unseren 17 Jahren Ende Oktober 45  in Bamberg. Einen Schein mit Daumenabdruck als Ausweis in der Hand und 20 Reichsmark als Überbrückungsgeld in der Tasche. Im Rucksack das Kochgeschirr, eine braune Wolldecke , eine lange graue Reserveunterhose und ein paar Fusslappen im Taschentuchformat als Sockenersatz. Ausserdem Waschzeug als Abschiedsgeschenk von den Amisund ein zusammenklappbares Essbesteck.  Frage: Wie kommen wir jetzt heim?

 

Zuerst marschierten wir in das provisorische Bürgermeisteramt von Bamberg,  bekamen mit unserem Dokument Lebensmittelkarten für eine Woche und konnten uns tatsächlich Kartoffel, Brot und Zwiebel kaufen. Dann wanderten wir zum notdürftig wieder instandgesetzten Bahnhof und machten einen Güterzug mit amerikanischem Kriegsgerät ausfindig, der anscheinend nach Süden fuhr. Wir schlichen uns in einen Wagon auf dem ein geschlossener Anhänger für irgendeine Kanone stand und versteckten uns im Inneren. Am anderen Morgen fuhr der Zug los.  Wir sahen eine Gegend mit Föhrenwäldern und Sand. Für uns eine ganz neue Seite von Deutschland.

 

Es kam Nürnberg und der Zug fuhr immer noch weiter nach Süden. Manchmal blieb er einige Zeit stehen und wir nützten die Zeit um uns in den Feldern nebenan mit Kraut und sonstigen Feldfrüchten zu versorgen.  Im Wagon machten wir uns ein kleines Feuer aus brennbaren Armeebeständen und kochten uns auf unseren Kochgeschirren das Gemüse. Besonders schmackhaft war es nicht, weil wir kein Salz hatten, aber wir waren ja nicht verwöhnt und es füllte den Magen. Als der Transport bei Augsburg hielt trauten wir der Sache nicht mehr und stiegen aus. Wir hatten Angst, dass er nach München oder sogar Österreich oder Italien weiterfahren würde.  In den Waggons fanden wir viele Werkzeuge und Gegenstände die wir in unsere Rucksäcke packten und später auf dem schwarzen Markt eintauschen konnten. Dabei hatten wir eigentlich keine grossen Schuldgefühle. Wir dachten uns bis diese Teile in einem neuen Krieg gebraucht werden sind sie schon längst veraltet. Nur erwischen durften wir uns natürlich von den Amis nicht lassen, aber wer denkt denn an so was.

 

Nach einem Tag herumstreunen und auskundschaften sprangen wir dann auf einen Güterzug auf, der nach Westen fuhr und kamen nach Ulm. Von dort aus waren es nur noch 20 km bis zu unserem Heimatdorf Illerberg und diese marschierten wir locker zu Fuss. War das ein“ Hallo „als ich in unser altes vertrautes kleines Bauerhaus zurückkam. Meine Eltern hatten schon über ein halbes Jahr nichts mehr von mir gehört. In der Wiege lag ein kleines Kind. Ich fragte wem das gehöre.

 

Es war mein Bruder Werner, der jüngste von uns zehn (ich der älteste). Mein Vater hatte das Kriegsende zu Hause erlebt. Er  war wegen schwerem Gelenkrheumatismus aus der Wehrmacht entlassen worden und arbeitete bei der Eisenbahn in Ulm beim Gleise reparieren. Seine frühere Firma, die Wieland-Werke Vöhringen war stillgelegt weil sie bis dahin Aluminiummaterial für die Wehrmacht produziert hat. Es war nun die Frage, was ich für einen Beruf ergreifen sollte. Mein Reifevermerk von der früheren Schule wurde als Voraussetzung für ein Hochschulstudium nicht anerkannt. In Ulm wurde zu dieser Zeit gerade an der Wagner-Oberschule ein Schnellkurs, zur Ablegung des Abiturs für solche Burschen wie mich begonnen.

 

Meine Eltern meinten, ich solle meine Schulausbildung für meinen späteren Beruf doch ausnützen und das Abitur nachholen. Das dafür nötige Geld, das sowieso nichts mehr  wert war könne ich auch auf dem schwarzen Markt statt als Hilfsarbeiter verdienen.

 

Also fuhr ich  drei Monate lang jeden Tag mit dem provisorischen und völlig überladenen Zug von Vöhringen nach Ulm. Bis zum Bahnhof waren es  3 km Fussmarsch. Im Brotbeutel (als Schultasche) ein Scheit Holz für den Kanonenofen im Klassenzimmer. Die meisten Klassenkameraden waren schon ältere Kriegsteilnehmer. Als Schulkleidung trugen fast alle ihre frühere Uniform, teilweise jedoch schon blau umgefärbt. Ich musste mich sehr anstrengen um mitzukommen, hatte ich doch den Stoff von fast 2 Jahren nachzulernen. Ich habe es jedoch recht und schlecht geschafft. Im Abiturzeugnis steht: “Der Schüler mühte sich mit wechselnder Anteilnahme dem Unterricht zu folgen. “

 

Aber was nun? Früher hatte ich mir vorgestellt, einmal Maschinenbau oder Flugzeugbau zu studieren. Aber diese Fabriken waren abgebaut damit Deutschland nicht wieder Waffen produzieren könne. Diese Studienzweige gab es auf den Hochschulen also zu dieser Zeit nicht

 

Arzt war auch eine Idee. So im weissen Kittel an den Menschen herumzuschnipseln und mit Herr Doktor angeredet zu werden wäre auch nicht schlecht. Aber an der Uni in München sagten man mir ich solle in 5 Jahren wiederkommen, weil die älteren Kriegsteilnehmer die meist jahrelang als Sanitäter an der Front waren zuerst drankämen. Forstmeister hätte mir auch gefallen. Den ganzen Tag im grünen Rock im Wald spazieren gehen, die Bäume betrachten und ab und zu einen Hirsch schiessen wäre auch nicht dumm, dachte ich mir.

Im Forstamt beim Graf Fugger in Kirchberg, sagte man mir, ich könne als Holzfäller arbeiten, aber Studienplätze an der Uni gäbe es bis auf weiteres nicht und wenn, dann kämen zuerst die Kinder von Forstbeamten dran.

 

Juristerei war auch hoffnungslos überfüllt und war für mich zu trocken. Jahre später hiess dann dieser Zustand an den Hochschulen „numerus clausus“. Ach ja - nachdem ich früher ein guter Ministrant war und ich bei der Ohrenbeichte auch nicht immer alles sagte, hat mir unser Pfarrer Schenz geraten, ich solle doch Theologie studieren. Er würde mir das Studium bezahlen. Nach reiflicher Überlegung kam ich jedoch zu der Überzeugung, dass ich für diesen Beruf auf Grund meines Temperamentes und dem Intersse an dem weiblichen Geschlecht, doch nicht geeignet sei.

 

Also Bauingenieur oder Architekt,  weil ich ganz gut zeichnen konnte. Die ganzen Städte waren ja zerstört und.  es gab enorm viel zum Aufbauen. Diese einzige Berufsalternative, (ausser Hilfslehrer an der Volksschule),  war mir nicht unsymphatisch.  Mein Grossvater Gaum nannte sich auch Bauingenieur. Dieser Titel war zu seiner Zeit nicht geschüzt. Er war ein Ziegler, der in ganz Europa seine vielen Erfindungen (Ringofen) in den Ziegeleibetrieben einbaute.

 

Während des 2. Weltkrieges war er als alter Mann noch Sonderführer im Rang eines Offiziers in der Ukraine und hatte die Aufsicht über alle Ziegeleibetriebe und Baustellen der Region. Er schrieb mir damals öfters dass er dauernd mit Reitpeitsche und Pistole die faulen Russen zur Arbeit antreiben musste. In Stuttgart und München wo ich mich  an der Hochschule bewarb wurde mind. ein Jahr Praktikum vor Studiumbeginn verlangt.

 

Also los zum Maurermeister Jhle nach Illerberg und Schaufel und Kelle geschwungen. Der Stundenlohn betrug 50 Pfennig. Für das Geld bekam man jedoch fast nichts, eine Ami-Zigarette kostete auf dem schwarzen Markt etwa 10 Mark. Aber bei den Bauherrn, meist Bauern,  gab es zu futtern. Ausserdem gab es für Bauarbeiter eine Sonderzuteilung als Schwerarbeiter auf den Lebensmittelkarten. Der alte klapperdürre Hilfsarbeiter Sommerfeld, ein Flüchtling,  hat damals einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Er hat bei den Leberwurstbroten die es bei den Bauern zur Brotzeit gab die Leberwurst sorgfältig heruntergekratzt und mir gegeben, weil er als Zeuge Jehovas diese nicht essen durfte. Er ist dann auch, - ich glaube deswegen -, bald gestorben.

 

Als erstes lernte ich in Tag- und Nachtschicht mit der Schaufel Beton für eine Turbine im Sägewerk Edel in Vöhringen machen, weil die Betonmaschine kaputt war. Später durfte ich dann auch mauern und verputzen. Eine Zeitlang war ich der Maschinist an der Betonmaschine.

Wenn es sehr heiss war und die Kräfte meiner Mitarbeiter nachliessen, legte ich immer eine Zwangspause ein. Der Aufzug wurde vollgeladen und beim Hochziehen wurde gleichzeitig stark gebremst, sodass die Sicherung durchbrannte und wir uns eine Zeitlang ausruhen konnten. Im Winter mussten wir dann im Wald Bäume fällen. Einige Zeit war ich dann auch im Baubüro am Reissbrett  tätig und durfte recht und schlecht die ersten Pläne 1947 zeichnen. In der Freizeit mussten wir uns zur Unterhaltung selbst etwas einfallen lassen. Es gab ja noch kein Fernsehen und aus dem alten Radio (Volksempfänger) kam nur ein Programm für ältere Leute.

 

Die Dorfjugend in meinem Alter traf sich also am Wochenende immer zum Fussballspielen,  im Winter zum Schlittschuhlaufen auf dem Weiher in Thal. Die Schlittschuhe waren sogenannte Absatzreisser. Sie wurden mit Krallen an den Schuhsohlen befestigt. Der Schuster hatte um diese Zeit Hochbetrieb.

 

Die ersten Ski haben wir uns selbst gemacht. Wenn man früher welche hatte musste man diese ja für die Soldaten in Russland abliefern. Ein Brett möglichst Esche wurde vorne zugespitzt und im Waschkessel über Wasserdampf gebogen. In der Mitte wurden Lederriemen aufgenagelt. Sie wurden über den Knöcheln an die Schuhe gebunden und los gings ins Gelände mehr schlecht als recht. An Weihnachten haben wir rührselige Heimatstücke im“ Kellerbergsaal „gespielt,  dass die Leute schön weinen konnten. Die Themen waren Krieg, Gefangenschaft, Heimat, Wilderei und Liebe. Um die Faschingszeit waren dann Lustspiele gefragt. Diese kamen besonders gut an weil wir da nicht so viel schauspielern mussten.

 

Auch einen Tanzkurs haben wir organisiert. Einen „Jugendgesangverein“ und eine Musikgruppe. Natürlich alles ohne Schriftkram und Satzungen. Ausser mit der Eisenbahn konnte man nicht viel weiter als 10 km vom Heimatort fort weil man keine Fahrzeuge hatte. Das einzige Auto zu dieser Zeit, einen DKW, hatte der Dr. Schrode aus Vöhringen für die Hausbesuche in den Dörfern im Umkreis. Mein Maurermeister Ihle hatte ein Sachs-Hilfsmotorrad. Falls jemand ein intaktes Fahrrad hatte war es bereift mit Rollen aus Hartgummi die aus Autoreifen ausgestanzt und mit einem Draht zusammengefasst auf die Felgen  montiert wurden. Fahrradmäntel und Schläuche gab es ja nicht.

 

Ich ging zu Fuss, weil ich mein schönes blaues Schulrad gegen einen halben Zentner Weizen bei meinem frühren Kameraden Abele aus dem Arbeitsdienst eingetauscht habe.  Dazu musste ich 20 Kilometer nach Kirchberg in die französische Besatzungszone laufen. Bei Nacht über die Iller durch knietiefes Wasser waten weil die Brücken kontrolliert wurden und mit dem schweren Sack Getreide wieder zurückmarschieren. Als bessere Kleidung war meine ehemalige Uniform dunkelblau eingefärbt worden. Mein Wintermantel war aus einer amerikanischen Wolldecke.

 

Mein Sonntagshemd war nur ein Latz, ein Stück Kragen und das Brustteil. Dazu trug ich ganz stolz eine - damals moderne - blaue Plastikkrawatte. Im Nachbardorf Bellenberg war ein Lager mit alten Wehrmachtskleidern, das von einer jüdischen Firma „Sohn“ verwaltet wurde. Um unsere Garderobe zu vervollständigen kamen mein Arbeitskamerad Barabeisch und ich auf die Idee, daraus etwas zu „organisieren“. Bei sorgfältiger Erkundung stellten wir fest, dass die Sachen in Holzschuppen lagerten, das Gelände eingezäunt und von Männern mit Schäferhunden bewacht wurde. Auf einer Seite war ein etwa 5 m breiter und etwa 1. 20m tiefer Bach ohne Zaun. Dies war die schwache Stelle. Für meinen 5 Jahre älteren und kriegserfahrenen Kollegen war das ganze kein Problem. Wir warteten eine dunkle Nacht mit Wind zum Bach hin ab und sprangen mit langen Stangen in einer Art Stabhochsprung über das Wasser. Alles blieb ruhig und wir krochen auf den grössten Schuppen zu. Beim lösen von 3 Brettern quitschte es etwas. Wir schlüpften sofort ins Innere und rückten die Bretter wieder zurecht. Da kamen auch schon die bellenden Hunde mit ihren Wächtern. Wir vergruben uns in den riesigen Kleiderbergen aus teilweise zerschossenen und mit Blut befleckten Uniformen. Nach etwa einer halben Stunde gaben die Bewacher die Suche auf weil die Hunde vermutlich die Spur durch die vielen Düfte verloren haben. Es war fast völlig dunkel und wir mussten die Gegenstände ertasten. Zuerst besorgten wir uns Rucksäcke und Beutel und stopften dann diese voll mit grüner Unterwäsche, Decken, Hosen. Zeltplanen usw. Voll bepackt wateten wir dann nachts um 3 durch den Bach. Das Wasser ging bis zur Brust und wir hielten unsere Beute über den Köpfen. Wir liefen dann 3 Stunden kreuz und quer durch die Landschaft, teilweise in Gräben, um evtl. uns später folgende Suchhunde zu verwirren. Dann versteckten wir die Sachen in einem Wald in der Nähe unseres Dorfes. Zwei Tage später näherten wir uns in der Dämmerung vorsichtig und unauffällig unserem Depot und brachten die Schätze nach Haus. Als ich auspackte führte sich die Familie auf als wenn das Christkind gekommen wäre. Viele Sachen waren allerdings dabei, die unsere Mutter zuerst flicken und waschen musste.

 

Meine erste grosse Liebe lernte ich auch in dieser Zeit kennen. Mein Freund und Nachbar, der Linder Luis und ich waren einmal in Vöhringen im „Adler“ beim Schwofen und brachten die beiden Freundinnen Laura und Bebbi aus Jllerzell nach Hause. Es war für uns ein Umweg von 4 Kilometern zu Fuss. Wir nahmen dies in Kauf, weil wir Aussicht hatten, dass wir bei den Damen ankamen. Es war auch der Fall und so marschierten wir fast jeden Samstag ein Jahr lang in das 5 km von Illerberg entfernte Dorf. Bei Regen und manchmal auch Schnee gingen wir barfuss um die Schuhe zu schonen. Die resolute und selbstbewusste Art meiner Beppi gefiel mir sehr und wir waren sehr verliebt.

 

Eines Tages eröffnete sie mir dass sie Probleme mit der Regel hatte. Dies war für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Vater werden, kein Geld und keinen ordentlichen Beruf haben, es war für mich undenkbar. Meine Freunde und ich suchten nach Engelmacherinen, sammelten Mutterkorn, Chinin und Schmierseife. Gottseidank war es dann doch nur eine Unregelmässigkeit und der Kelch ist an mir vorübergegangen. Es hat mir aber einen schweren Dämpfer gegeben und ich habe bald darauf gegen meinen Willen die Beziehung abgebrochen. Es war eine ausgesprochen rationelle Entscheidung weil ich zuerst beruflich weiterkommen wollte. Meine Beppi hat schwer darunter gelitten und ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen wenn ich daran denke. Später nach dem Studium wollte ich wieder mit ihr anbandeln, bin aber abgeblitzt wie noch nie.

 

Nun zur Berufswahl zurück. Ich hatte also mein Praktikum hinter mir und gelernt was schwer arbeiten heisst. Ich war äusserst motiviert, nicht das ganze Leben mit der Hand zu malochen und Steine bei jedem Wetter aufeinander zu schichten. Ich klapperte wieder die Technische Hochschule in Stuttgart und München ab. 1 Jahr Wiederaufbau an der zerstörten Schule und dann 8 Semester mit Abschluss Diplom-Ingenieur. Fachhochschule Augsburg ¼ Jahr Wiederaufbau und 5 Semester,  Abschluss Hochbauingenieur. Nachdem ich so schnell wie möglich Geld verdienen wollte habe ich die Augsburg gewählt wobei  immer noch die Möglichkeit bestand später an der TH weiter zu studieren. Ausserdem hatte ich die Möglichkeit, die erste Zeit bei meiner Tante Erna in Schwabmünchen das nur 20 km von Augsburg entfernt ist, zu wohnen. Es war ja fast aussichtslos ohne Beziehungen in der Stadt ein Zimmer zu bekommen weil das Geld keinen Wert hatte. -Ich habe diese Wahl nie bereut.


Studium 1948-50

 

Trotz meines Abiturzeugnisses musste ich in der Bauschule Augsburg eine Aufnahmeprüfung mitmachen. Es wurden dort auch Bewerber mit 6 Klassen Oberschule und begabte Volksschüler mit „Vorkurs“ angenommen. Von den 60 Bewerbern kamen 18 durch. Mein späterer Freund Arthur Spielmann, der ebenfalls das Abitur hatte und ich waren die letzten die angenommen wurden.

 

Es wurde nämlich auch darstellende Geometrie geprüft. Davon hatten wir keine Ahnung. Eine Schraubenmutter in Grundriss, Ansicht und Schnitt, sollte um 45 Grad gekippt und neu in allen Ebenen und in Jsometrie gezeichnet werden. Für uns ein böhmisches Dorf. Aber in den normalen Fächern schnitten wir anscheinend gut ab. Der älteste Mitschüler ein ehemaliger Stabsoffizier-(von Westernhagen)- war 10 Jahre älter als wir. Dann begann, der Wiederaufbau an der zerstörten Schule. Alte Ziegelsteine säubern, mauern, verputzen, betonieren usw. Dabei haben wir uns keinen Fuss herausgerissen aber wir wurden eine Kameradschaft die es sonst nie gegeben hätte.

 

Nach 3 Monaten kam die Währungsreform und es begann das erste Semester. Mit 40 DM neuem Geld in der Tasche. Um über die Runden zu kommen suchten die mittellosen unter uns, (darunter auch ich), jede Arbeit die man bekommen konnte. Strassenbahnwagenwaschen bei Nacht, Kegel aufsetzen bei den Amerikanern, Würstel verkaufen im Fussballstadion, betonieren in Nachtschicht bei einer Baufirma. dies alles während dem Studium. In die Ferien ging man immer schon etwas früher,  damit man länger ganztags arbeiten und Geld verdienen konnte. Ein grosses Glück für uns war, dass es damals von den Amerikanern die Schulspeisung gab. Es war meistens eine. süsse Suppe wie in der Gefangenschaft, aber sie machte satt. Ich war bei dem Team das austeilen durfte und bekam dadurch immer reichlich davon.

 

Von daheim bekam ich immer ein grosses Glas Marmelade mit, sodass ich ausser Brot nichts zum Essen kaufen musste. Mein Freund Schmid Helmut aus Lauingen-(später mein Nachbar in Teneriffa)-und ich hausten in einem Zimmer in der “Volkssiedlung“ zwischen Augsburg und Haunstetten. Es war 2, 20x4, 00 m nicht heizbar, 2 Betten hintereinander,  ein Tisch,  2 Stühle, Koffer unter den Betten. Monatsmiete für jeden 20. -DM. Im Winter sassen wir im Bett,  das Reissbrett auf den Knien und zeichneten mit Handschuhen. Unter unserm Zimmer wohnte die Paula, eine grosse dürre Jungfrau in unserem Alter. Ich schäkerte mit ihr öfter von Fenster zu Fenster, bis ich eines Tages mit ihr vereinbarte, dass ich zu ihr hinunterklettern werdeMein Zimmerkollege und ich befestigten meinen Hosengürtel aus Leder am Kloben des Fensterladens und ich seilte mich ab, die Zehen in die Jalousiebrettchen gekrallt. Ein Glück, dass die ganze Fensterkonstruktion noch nicht alt und gute deutsche Wertarbeit war. Unten angekommen wurde mir bedeutet sehr leise zu sein, weil im Nebenzimmer die Eltern schlafen würden. Also liebten und schmusten wir ohne jeden Laut.

 

Plötzlich krachte mit fürchterlichem Getöse das Bett zusammen. Ich rannte sofort zum Fenster.  Mein Freund Schmid wartete im Dunkel schon oben. Ich reichte ihm meine Hose und er zog mich mit dem Gürtel hinauf. Keine Sekunde zu früh denn unten ging schon das Licht an und Paulas Vater schaute nach was los sei. Er hat aber nichts bemerkt und eine halbe Stunde lang das Bett repariert.

 

Der Unterricht war sehr konzentriert und praxisbezogen. Ausserdem wollte jeder mit guten Noten durch die jeweiligen Semesterprüfungen kommen, sodass keine Zeit für sonstige Vergnügungen blieb. Gegen Ende des Studiums hat dann Freund Helmut noch ein „Bratkartoffelverhältnis“ aufgerissen. Er ging einmal zum Essen in die „Alpenrose“, ein Wirtshaus in Haunstetten, ganz in unserer Nähe. Dort bedienten die 2 Töchter und er war der einzige Gast. Sie waren nicht besonders hübsch. Die Rosi rothaarig mit Rossmucken, die andere, die Liesl etwa 220 kg schwer. Er erfuhr dass sie noch zu haben waren und freundete sich gleich mit der rothaarigen Rosi an.

Er brauchte nur die halbe Zeche bezahlen und versprach dass er das nächste mal mich mitbringen werde. Er musste mich nicht lange überreden und ich übernahm die dicke Liesl. Wenn wir nun zum Essen hingingen bezahlten wir mit einem 10 Mark Schein und bekamen auf 20 Mark wieder heraus. Die Liesl war sehr froh, dass sie mich zum vorzeigen hatte, denn sie musste öfters zum „Kundschaft-trinken“ in andere Lokale gehen und eine Zeche machen. Ich habe ihr dabei gerne geholfen.

 

Einmal habe ich anstandshalber versucht intim mit ihr zu werden. Darauf hat sie mir erklärt, dass dieses nicht notwendig sei und es reiche ihr, wenn ich ein guter Freund sei. Es machte mir nicht viel aus, denn ich hatte schon attraktivere Gespielinnen beglückt. Ausgerechnet sie hat dann im Lotto noch einige tausend Mark gewonnen und mich eingeladen, mit ihr eine Rundreise mit dem Bus durch den Schwarzwald zu machen. Sie kaufte mir ein beiges Hemd, mein Onkel Luis in Schwabmünchen lieh mir seine Lederhose und Schuhe. Unmittelbar nach der letzten Prüfung fuhren wir dann los mit Übernachtung in getrennten Zimmern und verbrachten ein paar schöne Tage. Es war ein wunderbarer Abschluss meines Studiums.

 

Über Meinen weiteren Lebensweg nämlich:

 

Heirat und Kinder

Umzug nach Neu-Ulm und München

Berufliche Erfolge

Hobbys wie Angeln Jagen, Tauchen, Fliegen

Reisen in die ganze Welt

Lebensabend in Teneriffa

Wird es vielleicht noch eigene Aufzeichnungen geben, wenn ich nichts anderes mehr zu tun habe.

 

 

 

Gestorben am 20.12.2006 um 8:00 Uhr an Gehhinblutung im Krankenhaus M-Harlaching im Beisein der Familie. Ursache der Gehhinblutung war zu dünnes Blut infolge Einnahme zu vieler Medikamente. Urnenbestattung, Grab im  Münchner Waldfriedhof.

Der Jägerchor blies beim herablassen der Urne das Signal: Sau tot


Stammbaum Rudolf Schlumpp

 

 

 

                               

 

                  Rudolf Schlumpp                  oo ?.?.1955                 Maria Uhl

                  *  06.03.1928

      + 20.12.2006                                                                  

 

 

 

 

 


Walter 1953

 oo Michaela Rieth

 

 

Margot 1955

oo Bert Baumann

 

 

Lilo 1958

oo Arno Scherlin

 

 

Marianne 1962

oo Karlheinz München

oo Yvon Kerarampran

 

                                  

                                  

                                                                      

 

Martin 1981

 

 

Bastian 1974

 

 

 

Moritz 1983

 

 

 

Lena 1986

 

 

Jörg 1988

 

 

Anette 1991