1.1        Die 10 Kinder des Jakob Schlumpp

Familienleben


Von Links: Ottl, Rose, Hans, Rudl, Robert, Erna, Lore. Mitte: Mutter Frieda, Vater Jakob. Sitzend: Werner, Friedl, Siegfried

 


Jugendjahre während des 2. Weltkrieges und vor der Währungsreform 1940-1948

 

Behausung: Wir lebten in dieser Zeit in Illerberg, jetzt Gemeindeteil von Vöhringen/Schwaben in einem alten Bauernhaus an der Witzighauserstr. 16. Die Miete beträgt 10 Euro. Der Stundenlohn damals war 0,25 Euro. Der Vater fuhr jedem Tag mit dem Fahrrad ca. 5 Kilometer in die Fabrik (Wieland-Werke Vöhringen) und war dort angelernter Hilfsarbeiter.

 

Das Haus bestand im Erdgeschoss aus einer Küche ca. 12 qm mit Holzherd und Spülstein, einem Wohnzimmer ca. 16 qm mit Kachelofen, der von der Küche aus beheizt wurde, einem Stall für 4 Kühe und einer Scheune. Im 1. Stock über dem Wohnzimmer war das Elternschlafzimmer, in dem auch die zwei Jüngsten schliefen, ein Zimmer über dem Stall, in dem 4 Buben schliefen und ein kleines Zimmer über der Küche, das von 3 Mädchen bewohnt wurde. Im oberen 2 m breitem Flur standen 2 Kleiderschränke und ein Blecheimer, in den alle in der Nacht hinein-bieselten, nicht selten ist er übergelaufen.

 

Die Unterlagen der Betten waren Strohsäcke. Sie waren sehr warm, weil die Mulden keine kalte Luft seitlich an den Körper liessen. Die Schlafzimmer waren nicht beheizbar, im Winter waren nicht nur die Fenster voller Eisblumen, auch die Wände waren voller Eiskristalle. Als Bettflaschen hatten wir warme Ziegelsteine.

 

Im Stall hatte Vater Boxen für bis zu 70 Hasen gezimmert. Er war oft voller Stolz, wenn er den 1.Preis bei der Hasenzucht-Ausstellung bekam. Vom Stall aus konnte man in die angebaute Scheune gehen. Hier lagerte Brennholz und das Heu für die Hasen. Hinter der Scheune war das von aussen begehbare Trockenklo angebaut. Es bestand aus einem Brett mit einem Loch. Vor allem im Winter war es ein Problem, es bei jedem Wetter über den Hof zu erreichen.

 

Neben der Scheune war - halb in den Berghang eingebaut - ein ca. 4 qm grosser Hühnerstall, in dem meist ein Schwein gehalten wurde. Gefüttert wurde es unter anderem mit Eicheln und abgebrühten Brennnesseln, die wir Kinder sammeln mussten. Im Frühling sammelten wir Säcke voller Maikäfern, die (abgebrüht) der Sau und den Hühnern besonders schmeckten. Aus der Molkerei holten wir täglich kostenloses Käswasser für die Sau. Das Produkt heisst nun Molke und kann teuer im Bio-Laden gekauft werden. Im Hof stand ein grosser Waschkessel zur Warmwasserbereitung, vor dem Haus war ein kleiner Gemüsegarten.

 

Kleidung und Körperpflege: Falls notwendig, hat man sich das Gesicht und die Hände im kalten Wasser am Spülstein gewaschen. Wenn jemand Zähne putzen wollte, stand auch eine gemeinsame Zahnbürste zur Verfügung.

Gebadet wurde jeden Samstag. Aus dem Stall wurde eine Zinkwanne in die Küche geholt und in der Küche aufgestellt.. Vom Waschkessel im Hof wurde kübelweisse das heisse Wasser hereingetragen. Zuerst durften die grossen nach der Altersreihenfolge in die Wanne, danach immer zu zweit die Kleineren. Der Grund war, weil die kleineren häufiger ins Wasser bieselten. Das seifenhaltige Badewasser wurde von Mutter noch zum Bodenputzen verwendet.

 

Für die Kleinen war die Kleidung kein grosses Problem. Sie bekamen die verwertbaren Reste der Grösseren. Die Älteren bekamen abgetragene Sachen von der Verwandtschaft, die Mutter entsprechend änderte. Wenn ein Hemdkragen verschlissen war, hat sie am Hemd unten etwas weggeschnitten und einen neuen daraus  gefertigt. Am Hemdunterteil wurde dann ein anderes Stück Stoff angenäht. Von Mai bis September ging man barfuss. Schuhe waren aus Hartpappe und weichten bei nassem Wetter auf. Hausschuhe machte man selbst aus geflochtenen Seegraszöpfen. (Das Gras ist sehr lang und hart, es wächst meist in Waldlichtungen)

 

Verpflegung: Die Hauptverpflegung bestand aus Kartoffeln und Sauerkraut. Jedes Jahr wurden 30 Zentner vom Bauern gekauft. Das Kraut wurde in 2 grosse Fässer gehobelt und barfuss von uns Kindern eingestampft. Jeden Tag holte man mit dem Handwagen vom Bäcker 4 Laib altbackenes Brot. Es war billiger als frisches Brot und man konnte weniger davon essen. Zum Teil wurde es noch geschnitten, mit Mehl bestäubt und auf dem Speicher getrocknet. 

Bei schönem Wetter im Sommer mussten wir Kinder im Wald Himbeeren und Holunderbeeren, aber auch Falläpfel von den Strassenrändern sammeln. Es wurde kübelweisse Marmelade daraus gekocht. Im Herbst war Kartoffel- und Ährennachlese. Das gesammelte Getreide wurde im Backofen geröstet und in der Kaffeemühle zu Vollkornmehl zermahlen.

 

Sonntags gab es meist Kaninchenbraten, dh. die kleineren bekamen nur die eine Bratensosse, weil ein Kaninchen für 12 Personen nicht viel war. Die grösste Not war Ende der Kriegsjahre. Um nicht zu verhungern mussten wir betteln, wildern und auch Früchte stehlen. Wenn Vater und Rudl nachts vom Acker Kartoffeln holten, entnahmen sie nur jeder Staude 2-3 Kartoffel und verschlossen wieder die aufgegrabenen Stellen, damit der Bauer nichts merkte. Auch Katzen und ein Igel landete im Kochtopf Bei Kriegsende hat Vater mit einigen seiner Buben vom Luftlager in Weissenhorn ein Blechfass mit 200 l Treibstoff (vermutlich präpariertes Rapsöl jetzt BIO-Diesel) organisiert und heimgerollt. Es wurde literweise gekocht und dann zum Braten verwendet. Die ersten Wochen bekam jeder heftigen Durchfall, nach Monaten hatte man sich an das Öl gewöhnt. Zum Trinken gab es ausser Wasser viel selbstgesammelten Johanniskrauttee, Malzkaffe mit Zichoriezusatz oder Magermilch. Vater hat auch jedes Jahr den Ertrag eines Apfelbaumes an der Landstrasse ersteigert. die 'Bonäpfel' waren hart, mit ledriger Haut und hielten bis ins Frühjahr.

 

Schule:  Jedes Fehlverhalten – wie zuspät kommen, Unterrichtsstörung, usw. - wurde mit Rohrstockschlägen  bestraft. Die Buben polsterten daher ihre Hosen mit Zeitungen. Wer eine Lederhose anhatte, bekam Schläge auf die Finger. In den Wintermonaten musste jedes Kind täglich ein Stück Brennholz zum Heizen des Klassenzimmers mitbringen. Nach Kriegsende bekamen bedürftige Kinder (also auch wir) Schulspeise. Sie bestand aus Griessbrei mit Rosinen oder Kakao mit einer halben Semmel und war oft besser als die Brotzeit von Bauernkindern, so dass für uns wieder gute Tauschmöglichkeiten waren.

 

Freizeit: Es gab wenig. Wer schulpflichtig war, musste nachmittags beim Bauern Kühe hüten. Es war beliebt und lustig, weil meist mehrere Herden nebeneinander waren und allerlei Unfug getrieben wurde. Als Lohn gab es abends nach dem Eintrieb ein Leberwurstbrot und einen 'Scherben' Milch beim Bauern. Wenn es barfuss zu kalt war, hat man sich einfach in einen frischen Kuhfladen gestellt. Alle Kinder mussten sich beteiligen am Hasenfutter holen, Kleinholz - Tannzapfen und Reisig sammeln, Zeitungen austragen, Heu für den Winter machen. Fürs Heu  wurden von Vater mähbare Feldwege gepachtet und gemäht.

 

Trotz allem war es eine glückliche Kindheit. Es gab keine Freizeit-Medien. Da wir 10 Kinder in jeder Grösse waren, kamen häufig die Freunde zu uns weil immer was los war. So wurde unser Hof und unsere Strasse ein Spielzentrum des Dorfes.

 

Sonstiges: Zum Heizen im Winter wurden Baumwurzelstöcke ausgegraben, die billig ersteigert werden konnten. Es war eine schwere Arbeit mit Schaufeln und Axt  das Holz zu zerkleinern. Auch Äste-haufen wurden ersteigert. Nach jedem Sturm gingen wir mit dem Handwagen in den Wald, um abgefallene Tannenzapfen und Zweige zu holen, oft war dieses Feuermaterial jedoch von anderen bereits geholt.

 

Kriegszeit: Illerberg liegt ca. 4 km westlich von Weissenhorn, wo die Wehrmacht ein grosses unterirdisches Tanklager hatte. Hier wurde synthetischer Flugtreibstoff hergestellt. Es war häufig Ziel der alliierten Luftangriffe. In der  Einflugschneise lag Illerberg. Beim Angriff flogen die Bomber über unseren Ort, um ihre Bomben im kurz darauf folgendem Tal abzuwerfen. Der Bahnhof von Weissenhorn und ein Lager mit leeren Ölfässern wurde zerstört, es gab auch mehrere Waldbrände. Das Tanklager wurde jedoch nie getroffen. Eine Fugabwehrstellung lag ca. 800 m westlich von unserem Haus im Illertal. Als die Soldaten dafür an die Front versetzt wurden, wurden die Geschütze von Jugendlichen des Volkssturms bedient. Sie war oft Ziel von Jagdflugzeugen und es gab auch hier Tote.

 

Bei jedem Fliegeralarm begab sich die gesamte Familie sofort in einen Keller unter der Scheune. Die Scheune darüber war voller Stroh. Die Sicherheit des Schutzraumes muss heute bezweifelt werden, da bei einem Feuer kaum eine Überlebenschance gewesen wäre. Zu Kriegsende wurden immer wieder Scheunen und Räume für die Wehrmacht beschlagnahmt. Da wir Kinder aber alle Tricks kannten, um in die Räume zu kommen, haben wir immer wieder mal was geklaut, vor allem Kleidung und Waffen. Als Hans und seine Freunde mit einer Panzerfaust hantierten, riss es dem Buben einer zwangsverpflichteten polnischem Fremdarbeiterin den Arm ab.

 

Da Vater nicht der NSDAP-Partei angehörte, hatte er Nachteile beim Zuteilen oder ersteigern von Brennholz/Wurzelstöcken oder mähbaren Feldwegen. Gute Stücke wurden den Parteimitgliedern zugeschoben.

 

Jede Kritik am politischen System - auch nur Ansatzweise - wurde nicht geduldet. Vater z.B. wurde einmal wegen Kritik von der Gestapo mitgenommen Er wurde wegen seiner vielen Kinder jedoch nicht inhaftiert. Die Strafen waren hart. Als 3 Kriegsgefangene einmal fliehen wollten, wurden sie aufgehängt, die Kinder des Ortes waren Zeugen. Der Glaube an den Endsieg war vor allem bei der Jugend bis zuletzt ungebrochen.

 

Die Kapitulation des Ortes wurde durch Beschuss amerikanischer Panzer auf das Dorf eingeleitet. Der Kirchturm und andere Gebäude wurden getroffen, es gab mehrere Tote. Danach zog sich die SS nach Osten zurück und die weisse Fahne wurde gehisst.

 

Die Nachkriegszeit brachte die grösste Not mit sich. Alles wurde verwertet, wie z.B. die Wolle der Angorahasen von Heu- und Futterresten gesäubert und von den Mädchen mit dem Handzwirn versponnen. Die Wollknäuel wurden auf dem Schwarzmarkt eingetauscht.

 

Infolge des Marschall-Planes bekam die Bevölkerung manchmal Lebensmittel-Pakete (Care-Paket) bestehend aus Milchpulver, Maismehl, gesalzener Butter, Seife. Mit Einführung der Währungs-Reform 1948 ging es schnell aufwärts. Die Kinder waren grösser und der eine oder andere konnte sich schon ein Fahrrad kaufen.

 

Aufschwung und Umzug nach Au/Iller

 

Der Umzug nach Au a.d.Iller war im Sommer 1954. Vater (eigentlich war Mutter, die alles durchsetzte) hatte mit Kredit von Onkel Otto ein kleines Einfamilienhaus mit Garten und Schopf gekauft, das noch bewohnt war. Es bestand aus Keller, 3 Zimmer Erdgeschoss, 2 Zimmer oben und einem Anbau mit 2 Zimmern. Im Obergeschoss wohnte ein Rentnerehepaar, im Anbau war ein Schuster mit kleiner Werkstatt. Bis die Mieter ausgezogen/gestorben waren, wurden die Kellerräume als Schlafzimmer hergerichtet.

 

Kurz nach dem Einzug  entstand  auf einmal eine Rege Spaziertätigkeit von Jugendlichen aus dem Ort an unserem Haus vorbei. Manchmal sangen sie auch recht laut, dass wir sie auch ja bemerkten. Es ergaben sich für uns Kinder mache schmunzelnde Begebenheiten.

 

Mit dem Kauf des Nachbargrundstückes konnte ein Traum verwirklicht werden. 5 Reihenhäuser wurde 1958–1961 ohne fremde Hilfe erbaut. In die ersten 2 fertiggestellten Häuser zogen Robert und Ottl mit Familien ein. In die nächsten Vater/Mutter, Siegfried mit Familie, das weitere gehörte Rudl, es wurde zunächst vermietet, dann verkauft.

 

Werner verliess 1964 als letztes Kind das Elternhaus. Es blieb für Jahrzehnte noch der Mittel- und Treffpunkt der Familie. Vater starb 80-jährig an Schlaganfall.

 

Mutter wurde ab 80 pflegebedürftig, wurde noch lange von Ihren Töchtern betreut und kam schliesslich nach Vöhringen ins Altersheim. Ihr Haus wurde an ihre Enkelin Sigrid (Tochter von Rosmarie) verkauft.

 

Gemeinsam alt geworden – Aufnahme 1976

 

Der Zusammenhalt der Familie Jakob Schlumpp besteht bis heute durch mehrere Familientreffen pro Jahr.